leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Dogma multimodale Therapie

4 Kommentare

Ich wage mich an die heilige Kuh „multimodale Therapie“.
Was auch immer man zu ADHS liest, immer geht es darum zu beteuern, dass Medikamente allein nichts bringen und auch gar nicht ohne weitere Therapie verordnet werden sollten.

Hört sich erst mal gut an.

Sieht man mal von der absolut miesen Versorgungslage ab, so bringt mich ein genauer Blick auf das, was an Therapie angeboten wird, zum (ver)-Zweifeln an dieser Doktrin.

1. Psychotherapie
Lange Wartezeiten und dann Therapeuten, die sich nicht wirklich auskennen.
Verhaltenstraining. Hmm…

2. Elterntraining
Falls das überhaupt angeboten wird, so richtet es sich meistens an “ ADHS -Anfänger“ und muss selbst bezahlt werden.
In einem guten Elterntraining nimmt Kommunikation viel Raum ein.
Inhaltlich lernen Eltern, wie wichtig Struktur im Alltag ist und sollen diese dann mit Hilfe diverser Pläne und Belohnungssysteme umsetzen.
Klare Regeln, klare Ansagen, prompte Umsetzung.
Keine Ausnahmen. Hmm….

Warum beschleicht mich bei diesen Gedanken so ein mulmiges Gefühl?
Weil ich selbst eine Chaotin bin?

3. Ergotherapie und Co ……na ja, ganz nett aber nicht der “ Bringer“.

Und dann gibt es sicherlich noch so einiges mehr.

Aber braucht man das wirklich und immer?

Was Kindern mit ADHS ( und AS ) in erster Linie etwas bringt, ist Akzeptanz und Wertschätzung.
Eine bloße Konditionierung auf das Funktionieren in unserer Gesellschaft ist nicht das, was wirklich Sinn macht und von Bestand ist, solange es dem Wesen der Betroffenen nicht gerecht wird.
Unsere Kinder brauchen Verständnis für ihre jeweilige Disposition. Das wird sicherlich im Elterntraining vermittelt.
Aber dann geht es zu den Plänen usw.

Nicht zu unterschätzen : Die meisten Therapeuten haben eine sehr bürgerliche Sicht auf die Welt. Vater, Mutter, Kind . Mama ist ab mittags zu Hause.
Alleinerziehend, berufstätig = Alarm.
Multikulturelle Kompetenz? Fehlanzeige.
Das kann man ihnen nicht vorwerfen, aber vielleicht etwas mehr Zurückhaltung in der Bewertung und bei den Ratschlägen erwarten und von den Guten: Reflexion.
ADHSler haben feine Antennen.

Kinder merken sofort, dass sie etwas trainieren sollen, funktionieren sollen, um zu den anderen zu passen.
Das ist das Gegenteil von Hilfe, Unterstützung und Anerkennung der Person.

Sicher müssen die Kinder lernen, in der Gesellschaft zu recht zu kommen. Es geht nicht, wenn ein ganzes Familienleben aus dem Ruder läuft. Wenn man therapeutische Unterstützung darin bekommt, für sein Kind und sich Wege zu finden, den Alltag positiv zu gestalten, finde ich das gut.

Ziel aber ist: sich mit seiner Disposition auseinander setzen, seine Wahrnehmungen nicht negativeren, sie akzeptieren als Teil der Persönlichkeit, Bedürfnisse erkennen, Stärken sehen, Schwächen “ gnädig“ begegnen, eigene Ziele formulieren, individuelle Handlungsvarianten entwickeln, einen Lebensentwurf versuchen.

Dem jeweiligen Alter entsprechend – ja, das kann man schon ganz früh üben und nennt sich im übrigen Erziehung. Diese ist bei ADHSlern bekanntlich um ein Vielfaches anstrengender.

Wenn das gewährleistet ist, dann braucht es nicht zwingend andere Therapien. Dann reichen auch manchmal MPH und Co.

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Lieber keine, als schlechte Therapie.
Starres Einfordern und Verfolgen von Plänen ist ein Beziehungskiller.
Starre Belohnungssysteme sind Beziehungskiller.
Dem eigenen Kind überwiegend als Co-Verhaltens-Therapeut zu begegnen ist ein Beziehungskiller.

Keine Ausnahmen? Ist das Leben immer gleich?
Stundenpläne nicht nur in der Schule?
Musizieren nicht nach Lust und Laune, sondern weil es geplant ist?
Kann man die Muse so gängeln?

Dem Kind Gelegenheit geben, verschiedene „artgerechte“ Strukturen zu erleben, für sich zu entdecken und die eigene Variante zu entwickeln, das wär was.
Dem Kind Gelegenheit geben, sich mit Betroffenen aus zu tauschen, gemeinsam Lösungen zu finden, das ist gut.
Dem Kind genau das zu zu trauen, das ist wichtig.

Hilfreich: TOKOLive

Eltern wirklich darin unterstützen, eigene Familienstrukturen zu entwickeln, und seien sie noch so ungewöhnlich, das wäre ein Gewinn.
Ohne innere Sicherheit bleibt alles Konditionierung und dementsprechend instabil.

Dabei ist mir schon klar, dass es Menschen gibt, denen es gut tut, ihren Alltagsablauf quasi mit Exeltabelle ab zu haken. Für diese ist es passend und entspricht ihrem inneren Bedürfnis.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin nicht gegen Struktur und Regelmäßigkeit im Alltag.
Unserer Gesellschaft mangelt es daran generell.
Ladenöffnungszeiten, Arbeitszeiten, sportliche Aktivitäten, alles flexibel bis zum geht-nicht-mehr….. Zeit zum Arbeiten und Zeit für Muße…..nur noch individuell und jeder anders.
Kein gemeinsamer Rhythmus der Gesellschaft mehr.

Und dabei weiß man doch, wie gut es tut, wenn sich Atemzüge mit Nahestehenden wie von selbst an gleichen…

Da ist es gut, wenn Familie so etwas bietet.

Aber Zwang zur Konformität : nein danke!

Den Gegnern der Pharmokotherapie das Wort reden, nur um nicht als mütterliche Ruhigstellerin und Kindevergifterin da zu stehen? Niemals.

Was ist mit den Risiken und Nebenwirkungen der allseits gepriesenen Multimodalen Therapie?
Nicht zu fassen, was uns da schon zugemutet wurde.
Zum Glück funktioniert mein Alarmsystem.

Mehr Mut, Leute!

Beispielhaft finde ich die Fähigkeiten-Workshops von autWorker.

Sowas fehlt für Kinder/ Jugendliche im ADHS und AS-Spektrum.
Leider.

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.

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4 Kommentare zu “Dogma multimodale Therapie

  1. Es ist wirklich schwer in einer strukturell intoleranten Gesellschaft für Toleranz zu werben. Aber es trifft den Nagel auf den Kopf, den da gibt es schon welche irgendwo, die mit dem Thema umgehen können. Hauptsache man bleint selbst davon unberührt. Jeder Typ in seinen eigenen „Kasten“. Jeder „Kasten“ hat seine eigene Klientel und Berührungszustände werden in Grabenkämpfen ausgeübt. Jeder der nicht nach Schema „F“ funktioniert ist nicht OK, also krank. Wieviel Kranheiten würden verschwinden, wenn unsere Gesellschaft einfach nur offener und toleranter wäre?

  2. Ja, das ist mal ein Votum zum Thema, dass sich traut die offensichtlichen Schwächen der offiziellen „Meinung“ zu beschreiben! – Mir begegnen immer wieder Familien mit einem zerrütteten Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Und mir begegnen Familien mit Problemen, aber einem intakten Vertrauensverhältnis und der Möglichkeit ohne fremde Hilfe miteinander zu Kommunizieren. – Nach vielen Gesprächen und Vergleichen der Fälle untereinander komme ich zu dem Schluß, dass es tatsächlich eine große Gefahr dazustellen scheint, wenn man als Eltern ein Elterntrainig bucht, und es dann tatsächlich versucht, das alles konsequent durchzuhalten, was da verlangt wird. Sicherlich mag es sein, dass Elterntrainig nicht gleich Elterntrainig ist, aber die Grundidee ist doch, dass die Eltern ihr natürliches Verhalten ändern und stark umprägen lassen sollen. Sie sollen mit der konsequenten Veränderung ihres Verhaltens das Verhalten ihrer Kinder neu Konditionieren.
    Ich beobachte, dass besonders in den Familien, wo den Eltern diese Verhaltensänderung bei sich selbst sehr gut gelingt, die Gefahr einer Beziehungszerrüttung zu den Kindern groß zu sein scheint.
    Ich glaube, dass das natürliche Agieren und Reagieren der Eltern ein sehr wichtiger Teil des Biotops ist, in dem das Kind heranreift. Wenn dies konsequent verformt wird, grenzt das rein technisch gesehen an einen Missbrauch. Besonders hochsensible Kinder werden durch solch einen Eingriff erschüttert. Sensible Kinder leben länger in der anfänglichen Familiensymbiose, sind regulationsdynamisch lange noch nicht autark.
    Meiner Meinung nach trifft leidenschaftlichwidersynnig hier den richtigen Ton und zeigt die richtige Richtung an:
    Wir müssen die Eltern stärken. Die Eltern müssen die Traumata, die bei ihnen selbst durch die Erziehung eines erziehungsintensiven Kindes entstanden sind, aufarbeiten. Damit finden sie zu einer akzeptierenden, zu einer bedingungslos zuverlässigen Beziehung zurück. Dann kommen wir erst wieder in einen Bereich, in dem das Kind weiter heranreifen kann. Ein Kind, welches der Grundbedingungen seiner Entwicklung, nämlich ein Geflecht aus vertrauensvollen Beziehungen, beraubt wird, kann nicht heilen. Entwicklung und Heilung sind 2! verschiedene Themen. Sie bauen aufeinander auf.
    Aber nun wird es noch schwieriger! Um ein „besonderes Kind“ lieben zu können, um ihm einen annehmenden Lebensraum bieten zu können, muß ich den Mut haben, mich auf seine Seite zu stellen, muß ich den Mut haben, mich zu ihm zu bekennen.
    Wenn ich das tue, werde ich in der Regel einen Prozess durchleben, in dem ich unabhängig von einem bürgerlichen Image werde. Ich muß zu einer Art Dissident, zu einem Hippie werden. HIER liegt das eigentliche Problem! Was ist mir letztlich wichtiger? Zu meinem Kind zu gehören, oder meinen Platz in dieser Gesellschaft zu haben?
    Wenn wir ein „wildes Kind“ haben müssen wir uns entscheiden!
    Aber wir müssen wissen, dass wenn wir uns für diese Gesellschaft entscheiden, unser „wildes Kind“ allein in die Wildnis hinaus gehen müssen wird.
    Meine Kinder haben das unverschämte Glück „wilde Eltern“ zu haben. So werden sie immer jemanden hinter sich wissen, egal wie abseitig ihr Weg sein muß um ihnen selbst zu entsprechen. – Erst lernen wir zu sein, dann erst können wir lernen davon unabhängig auch zu handeln.
    Johannes Drischel

  3. Einwirklich interessanter Aspekt, der auch viel in den Bereich des „Funktionierens“ hineingeht. Die zentrale Frage ist jedoch zuerst die gefühlsmäßige Ebene, in der eine Verbindung noch existiert oder nicht. Auch wenn man das Kind nicht immer versteht, oder sogar gegensätzliche Positionen vertritt, ist es entscheidend, ob deshalb die emotionale Beziehung bestehen bleibt und damit auch der beschriebene Rückhalt tatsächlich bleibt. Das Recht auf Individualität bedeutet auch eigene Wege gehen zu dürfen. Doch ist das wiederum auch ein Geben und Nehmen. Dieses Gleichgewicht ist sehr wichtig für die Entwicklung des Kindes. Diese Beziehung ist dann gestört, wenn dieses Gleichgewicht zerstört ist. D.h. wieviel kann jeder ertragen und wie weit darf jeder gehen. Wer setzt sich durch, oder gibt es ein Arrangement? In dem Moment wo gesellschaftliches Funktionieren das Handeln bestimmt, ist die Kluft hergestellt und die Beziehung funktioniert um so besser, je weniger man über den anderen weis.

  4. Ich bin ja auch dafür, heraus zu stellen, dass Eltern schutzbedürftige, schützenswerte Menschen sind. Kinder dürfen bitte nicht alles dürfen! Aber da beginnt eben bereits die Verantwortung des Kindes für mich als Vater. Es lebt von mir. Also soll es auch gut auf mich und meine Ressourcen achtgeben. – Aber meine Aufgabe ist, zu meinem Kind zu halten und emotional hinter ihm zu stehen, egal ob er seinen Job gut macht oder nicht. Ob er von der Gesellschaft akzeptiert wird, oder ob er als Outlaw lebt, oder leben muß. – Da halte ich eben Moral für wertvoll. Es kann nicht sein, dass wir nur dann gute Menschen sind, wenn alle anderen das auch sind. Jeder ist für sich allein verantwortlich für den anderen Verantwortung zu tragen.

    Ich bin da auch mit geistig Behinderten und psychisch Kranken sehr streng. Eine Einschränkung ist KEIN Grund für einen schlechten Charakter. Und jeder darf da sich selbst von seinem Standort aus mit einem entschiedenen NEIN verteidigen! Eltern dürfen das. Kinder dürfen das auch! Wenn Erziehung manipulativ und gemein wird: NEIN! – Wenn Kinder rücksichtslos alle Regeln artgerechter Haltung von Vätern über Bord werfen: NEIN!

    Wir habe Verständnis für alles. Nichts menschliches ist uns fremd! Aber jeder hat ein Recht zu überleben und gut zu überleben. Jeder hat ein Recht nicht traumatisiert zu werden. Sogar Eltern erziehungsintensiver Kinder.

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