leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Kleinkariert

Ein Kommentar

Mit dem Zug unterwegs.
Selbstverständlich Sitzplätze reserviert: 2 x Fenster mit Tisch, Großraum, Handybereich. Neuerdings kann man sich online sogar die Position der Plätze im Zug anschauen, für die man einen zusätzlichen Obolus abdrücken muss. Service.

Aber nun sitzt auf dem Fensterplatz in Fahrtrichtung, den laut Ticket mein Teenie einzunehmen hat, eine gepflegt aussehende Dame jenseits der 60, mindestens.
Überraschender Weise bleibt Teenie locker…und setzt sich auf meinen Fensterplatz, rückwärts fahrend. Die beiden Plätze am Gang sind frei von Personen, der neben der Dame ist jedoch besetzt von ihren 2 eleganten Ledershoppern.
Gut, ich kann mich auch auf den noch leeren Platz setzen. So tief bin ich noch nicht gesunken, dass ich Theater um reservierte Plätze mache.

Mein Blick wandert immer wieder zu der Dame hin. Herunter gezogene Mundwinkel, graue Lodenjacke mit tannengrünem Samtkragen – innen rot ausgeschlagen – blondierter Bob.
Nickelbrille mit dicker, transparenter Brillenglasfassung, bleu; die Bügel dunkelblau, flach und breit. Sie strickt etwas Rot-Tannengrünes mit sehr gleichmäßigen, ordentlichen, strammen Maschen.
Leichter Unwillen steigt in mir auf.

Ich lese ….. Und sehe sie wieder an. Ihre Miene unverändert: starr, distanziert, fast böse.
Nun schaut sie aus dem Fenster…. ja genau da wo mein allerliebstes Kind jetzt rausschauen können müsste, an das ich jeden Fensterplatz der Welt gerne abtrete.
Ihr Fuß trifft unbeabsichtigt meine Tasche, die ich unter den Tisch stellen musste. Weniger unabsichtlich wandert mein Fuß gegen ihren und gemächlich mit leicht entrüstetem Blick in meine Richtung zieht sie ihren zurück.
Ich sage nichts.
Ihr dickfälliges Ausbreiten macht mir Unbehagen und ich setze schweigend mein Ausbreiten dagegen.
Säße da ein mir sympathischer Mensch, keinen einzigen Gedanken verschwendete ich an Platz-Klau und -Einnahme .

Starte einen neuen Ablenkungsversuch. Erfolglos.
Meine Gedanken nehmen Fahrt auf. Was bildet die sich ein? Kann sie nicht 1. Klasse fahren? Was äugt die überhaupt so skeptisch in unsere Richtung?
Kann man entspannt atmen mit so verkniffenen Lippen? Bekommt man keinen Kiefermuskelkater? Sollte sie ein kleines Geheimnis namens Botox haben?
Ich denke mich in Rage….
Sämtliche Vorurteile , die ich gegen Menschen hege, bei denen ich aktive Inanspruchnahme von Privilegien zu Lasten der Mehrheit ( klar, und damit auch mir und meiner Familie) vermute, werden aktiviert.

Menno. Es ist nur ein blöder Sitzplatz. Soll sie doch selig werden.
Aber sie hört nicht auf zu so zu gucken, als wenn es noch nicht einmal unserer Recht wäre, mit ihr an diesem Tisch zu sitzen.

Wir sind fast da.
Mit ihrem Robotergesicht wird sie in ein Taxi steigen oder vielleicht holt ihr Roboter-Mann sie vom Bahnhof ab. Dann fährt sie in ihre Roboterbehausung und wird sich von der Fahrt inmitten des gemeinen Volks erholen.

Vorher noch ein Lichtblick: die kleine Paula, drei Reihen hinter uns hat die Nase voll vom still sein.

Auf der Mauer auf der Lauer……

….. durch den Wagon geschmettert gibt der Dame einen weiteren Anlass fürs böse Gucken.

Was mich wieder aussöhnt mit den Reiseumständen.
Merci, petite Paula!

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Ein Kommentar zu “Kleinkariert

  1. Kinder sind goldwert! Sie heitern einen einfach auf

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