leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Sechs, setzen.

2 Kommentare

Part I

Ich sitze in einer Veranstaltung in der Penne.
100 Eltern werden darüber informiert, wie es nach der 9. Klasse weitergehen kann.
Eine Dame von der Agentur für Arbeit ist da.
Sie erzählt:
Es gibt Berufsberatung an der Schule.
20 Minuten pro Schülerin.

Was redet die da?
10. Klasse nur, wenn konkret das Ziel Mittlerer Schulabschluss oder Abi definitiv dahinter steht.
Sonst sei das Jahr verschenkt. Aha.
Jetzt ist die Dame dabei, die verschiedenen Möglichkeiten zu erklären.:

  • Berufliche Qualifikation (keine Lehrstelle bekommen, aber Abschluss und beworben)
  • Produktionsschule ( Arbeiten und Schule ohne Abschluss, auch nicht als Ziel)
  • AV-Dual ( 2 Tage Schule , 3 Tage Praktikum)
  • …..Perspektiven oder Verschiebebahnhof in die Jugendarbeitslosigkeit?

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    Ihre Argumentation läuft immer wieder darauf hinaus:
    Es gibt nach Klasse 8 eine Prognose der Schule, welcher Abschluss realistisch ist. Grundlage: die Noten. Was sonst.
    Selbstgänger: die Schule irrt sich selten. Aha.
    Also schnell die eigene Lebenserfahrung vergessen, liebe Mit-Eltern….!

    Gelangweilte Gesichter bei den Eltern der Abi-prognostizierten Kids.
    Alles in trockenen Tüchern?

    Nun kommt ein etwas netterer Teil.
    Auch wer jetzt keinen tollen Abschluss hinbekommt, kann nach der Berufsausbildung noch weiter lernen, z.b. den Meister machen und dann sogar noch studieren. Ja, sogar Friseurinnen können das.
    Staunen in der Elternschaft.

    Empörte Nachfrage aus der bisher gelangweilt dösenden Elterngruppe: waaas, sogar Friseurinnen ? Und welches Fach? Fast jedes? Unglaublich!

    2. Bildungsweg.
    Beispiel: nach dem Hauptschulabschluss und der Berufsausbildung, bei einem Notendurchschnitt 3,0 ist der Realschulabschluss gemacht. Danach kann‘ s weiter gehen.
    Ist doch was.
    Nun folgt die Aufzählung diverser Varianten: was mit welchem Abschluss geht, wie der Notenschnitt sein muss und pi pa po.

    Frage: darf man eigentlich auch als Geselle, Fachverkäufer oder anderem Lehrberuf zufrieden sein? Können diese Menschen je glücklich werden?

    Ich werde den Eindruck nicht los, dass es jetzt in HH zwar die 11jährige Schulpflicht gibt, die Kids aber so früh wie möglich aus der Schule raus geredet werden.

    Wer immer noch nicht weiß was er will und was er kann, wende sich vertrauensvoll an die Agentur für Arbeit und lasse sich testen. Vorwärts, rückwärts, psychologisch und so.

    Irre – nicht das Interesse an einer Sache, der Wunsch, etwas zu lernen und später zu können, einen Beruf zu haben, der einem Befriedigung verschafft, steht im Vordergrund der Beratung und Berufswahl. Um sich dann danach strecken oder heranrobben zu können…
    Nein, lieber eine Testserie starten – keine Angst, unsere Kids kennen das schon : KISS, IGLU, LEA, PISA, HAWIK….. – und dann wird sonstwas empfohlen.

    Heiliger Strohsack. Selbst jetzt bin ich noch froh, einfach das gelernt zu haben, worauf ich Lust hatte.

    Aber Lust und Arbeit in einem Atemzug….schickt sich das?

    Irgendwie meinen die nicht mich. Nicht mein Kind. Wir halten uns nicht an die Vorgaben.

    Mich hat das weit gebracht – nicht nur karrieremäßig.
    Ich hatte aber auch Lieder wie dieses im Kopf, heute völlig out:


    Niemals hätte ich beim teuren Repetitor wirklich was gelernt. Na ja, repetieren schon, aber sonst nichts. Weshalb ich mir das erspart habe. Sollten sich doch die Kinder der Regierungsräte dort drängeln. Da zahlte das auch Papi.

    In der Schule aber hat man leider keine Wahl. Exitus in repetitum.

    Mein Kind steht kurz vor seinem ersten amtlichen Scheitern.
    Und hat es doch geschafft, sich heute selbständig um Unterstützung bei der Handwerkskammer zu kümmern und sich für die Teilnahme an dem Projekt Perspektive Handwerk entschieden.

    Was sie dort in einem ersten Gespräch erfahren und erlebt hat….selten hat eine Schulstunde diese Begeisterung hervorgebracht.

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    „Jetzt habe ich den roten Faden wieder gefunden, ich konnte ihn in der letzten Zeit nicht fassen, aber nun lasse ich ihn nicht mehr los.“

    Halloooh…..ja, darauf bin ich stolz!

    Part II

    Der Klassenverband bleibt mir nicht erspart.
    Ich höre, dass die Kids keine Lust zum Lernen haben, sich nicht auf die Prüfung vorbereiten, den Ernst der Lage nicht erkannt haben.

    Tägliche Gardinenpredigten liefen in ‚ s Leere. Unterricht sei zäh und klebrig wir Harz.

    Toll.
    Betretene Gesichter bei den Eltern.
    Sagen sie doch selbst dem Nachwuchs täglich: wenn du jetzt deinen A***** nicht hoch kriegst , landest du auf der Straße..
    Kann es etwas motivierenderes geben?

    Ein für mich ketzerischer Gedanke schleicht sich ein: vielleicht sollte man allein nur deshalb seinen Nachwuchs auf‘ s Gymmi schubsen, weil ihm dort erspart bleibt, wie ein Loser behandelt zu werden und er sich in der selben Jahrgangsstufe nur Sorgen um seine Versetzung machen muss….und ansonsten in Frieden pubertieren darf?

    Part III

    Unverbesserliche Idealistin, Romantikerin – ich.

    Träumen von gemeinsamen Veranstaltungen aller an Schule Beteiligten, die mit dem Übergang Schule -Beruf befasst sind.
    Ein world -oder knowledge-Cafè ? Oder eine andere beteiligungsorientierte Form des Gedanken- und Wissensaustausches.

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    Lehrer, Schüler, Praktiker, Eltern – Begegnung auf Augenhöhe.
    Nicht möglich, zu teuer, zu aufwendig?

    Ja, was ist uns die Zukunft der jungen Menschen denn wert?

    Lernen ist so viel mehr als das Wiedergeben von angehäuftem Bücherwissen.
    Information mehr als die Aufnahme aneinandergereihter Daten, auch wenn sie bunt und in Tortenform daher kommt.

    Wieder eine verschenkte Chance, gestern.

    Quasi als Fortsetzung hiervon: Elternverstummungsabend

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    2 Kommentare zu “Sechs, setzen.

    1. Als schuleabgängern hatte ich anders erlebt… Sind sie blöder geworden oder liegt es an der Ort wo ich gelebt hatte? Da war eigene Interesse wichtig und für meine Eltern so wie so! Ihre Motto: Lern eine Beruf der dich Spass macht, Geld ist weniger wichtig… Da hatte ich die motivation gehabt eine Beruf zu lernen die mich sehr interessiert hatte. Nun,ist vielleicht dann anders gegangen, aber Interesse an etwas finde ich auch wichtig. Besonders bei ADS… Sonst stimmen die Leistungen auch gar nicht.

      Ich erlebe sonst dass man auch mit sehr einfachen Arbeit und niedrige Lohn eine schöne Leben haben kann… Wenn man Spass dran hat.

      Ich wünsche deine Tochter dass sie etwas machen kann dass ihr wirklich Spass macht.

      • Ich weiß nicht, ob es heute schlimmer ist….vielleicht war es in „Rama-Reklame-Familien“ ja schon immer so, dass es ums
        Prestige ging und man nichts mit Leuten zu tun haben wollte, die anders drauf waren.
        Und Schulen waren auch schon immer Aussortier-Orte.
        Meine Eltern waren sehr tolerant und in vieler Hinsicht nicht wie die Meisten ….das war gut für mich, auch wenn meine Schullaufbahn alles andere als glatt verlief und ich es nicht gerade leicht hatte.

        Danke für die guten Wünsche. Ich denke, mein Teenie wird seinen eigenen Weg gehen und etwas passendes für sich finden 🙂

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