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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Der akzeptierte Kauz – vom Aussterben bedroht

6 Kommentare

„SAP stellt gezielt Autisten ein“

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Diese Nachricht ging in den letzten Tagen über die Presseticker.
Eltern diagnostizierter AutistInnen mit Affinität zur IT freuen sich. Autismusverbände auch.
Das ist verständlich. Zu viele AutistInnen bekommen keine echte Chance, ihre Fähigkeiten in ein gutes geregeltes Gehalt umzuwandeln.

Einen besonderen und m.E. nicht zu unterschätzenden Aspekt hat Johannes Drischel in einem lesenswerten Artikel eingebracht:

Man sollte nur nicht annehmen, dass diese Idee neu sei und dass noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen sei. Es sind nämlich die Autisten selbst, die schon seit langem und ganz von alleine zu SAP, zu BASF und meiner persönlichen Erfahrung in meiner Beratungs- und Seminarpraxis nach, zu VW und dort jeweils in die Entwicklungsabteilungen finden. Nur sind es überwiegend keine diagnostizierten Asperger Autisten, die dort an den PCs sitzen und hervorragende Arbeit leisten. Es sind atypische und hochfunktionale Autisten und es sind hochbegabte Menschen, die dem Autismus-Spektrum nahe stehen.Quelle

Lesenswert auch dieser aktuelle taz-Artikel über Peter Schmidt, promovierter Geophysiker, Autist und bei SAP vor 15 Jahren nicht eingestellt.

Die Möglichkeit, das zu schaffen, ist jungen Menschen aus dem Autismus-Spektrum heute jedoch stärker verwehrt. Wer heute in der Schule auch nur irgend etwas nicht so macht, wie alle anderen, wird nicht nur schief angeguckt, sondern an diverse Diagnose- Maschinen überwiesen.
Selbst Kleinigkeiten werden als “ Auffälligkeiten “ thematisiert, mit dem Kind, in der Klasse , mit den Eltern.
Der Druck zur Konformität ist enorm gewachsen. Auf die Betroffenen Kids, auf die Eltern.
Der Kauz muss repariert werden oder gelabelt.

Hier nur ein kleines Beispiel von „Toleranz“ zu Zeiten der Inklusion im Klassenraum, dem ich noch viele beifügen könnte:

Klassenarbeit. Ein Text muss gelesen werden. Nach dem Lesen muss er umgedreht auf den Tisch gelegt werden. Alle SchülerInnen fangen zur selben Zeit mit der Bearbeitung an.

Wie geht es SchülerInnen , die Texte geradezu rasant sinnentnehmend „inhalieren “ können?
a) “ …du kannst noch gar nicht fertig sein. Lies weiter …“ – also so tun als ob.
b) während des langen Wartens auf die anderen gehen die Gedanken spazieren, weg vom Thema. Neu lesen während der “ Schreibezeit“ : “ fang jetzt mit Schreiben an „…blabla

Folge : Irritation durch Störung des Arbeitsprozesses, schlechte Note.

Die Luft wird dünner für Menschen mit Besonderheiten.

Die Schule soll Kinder passgenau fürs Arbeitsleben machen.
Das klappt schlechter als gewünscht, weshalb viele Wirtschaftsunternehmen und deren Lobby kurze Ausbildungsgänge und Studiensysteme befürworten: dann können sie die jungen Leute selbst passend machen.

Der Freiraum, sich selbst für ein Berufsfeld passend zu entwickeln, wie die oben beschriebenen
“ wilden “ Autisten , schrumpft.

Dass SAP aus reiner Nächstenliebe heraus handelt, wäre mal was Neues.

Dennoch : Einige werden eine Chance dadurch bekommen, was gut ist.

Im Übrigen gibt es auch viele Menschen aus dem Autismusspektrum, die mit IT nicht viel am Hut haben. Nur zur Erinnerung.

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6 Kommentare zu “Der akzeptierte Kauz – vom Aussterben bedroht

  1. Schon vor sehr lange, bevor ich überhaupt von mein ADS wusste, aber irgendwie doch wusste, ich ticke anders als der Mehrheit und einiges klappt bei mich irgendwie nicht so wie bei anderen, hatte ich dumm gefunden dass es von alle das selbe verlangt ist. Ich fand immer diese Normierung doof… Meine Eltern fanden es schon auch saudoof… naja, ADSler gab es schon in früheren Generationen…

    Ich finde gerade toll dass menschen so unterschiedlich sind, dass es begabungen in alles bereichen gibt… Wenn jeden wirklich nach seine eigene fähigkeiten aber auch einschränkungen (wir haben alle) zu wohlk alle einsetzen kann, haben wir alle mehr davon!

    Aber es scheint mich ehe so, dass viele Menschen die nicht „normal“ ticken, oft ihre Platz im Arbeitswelt auch nicht finden, oder nur schwer… Natürlich hilft da die Schule nicht, da es ein Programm gibt der für alle gilt und wenig Platz um Einzellen nach seine eigene Fähigkeiten gezielt zu fördern.

    Dass Asperger so ihre Nischen finden habe ich schon gehört und finde es ganz toll! Sie habe zwar grosse Einschränkungen, aber wenn es darauf Rücksicht genommen wird und sie ihre Fähigkeiten einsetzten können, denke ich dass sie auch eine tolle Arbeit machen. Nur, diese Rahmen zu geben braucht wieder von Arbeitgeber eine Mass an Flexibilität, auch schon im Kopf.

    Selber erlebe ich auch in mein leben wie „förderung“ oft ehe nach „schwächenbekämpfen“ schmeckt und da ich langsam reifer werde und mich gut kenne, weigere ich mich auch langsam mitzumachen und erkläre dass es sicher viel mehr bringen würden, mich der Rahmen zu geben damit ich nicht dauernd an meine Grenze stosse und meine tolle Stärken auch mal zu Geltung bringen kann. Es kommt langsam, aber Umdenkung von Umfeld ist auch wichtig und braucht auch seine Zeit…

    • Die Krux ist ja , dass es früher, als man sich noch nicht 1000 Gedanken über Förderung etc. gemacht hat, eher möglich war, seinen ganz eignen Weg zu finden. Der sicherlich auch nicht leicht war.

      Aber nun, im Zeitalter der Optimierung von allem und jedem wird darüber nachgedacht und das geht leider zu oft ausschließlich in Richtung ökonomische Verwertbarkeit.

      Eine kritische Haltung dazu, ja das wünsche ich mir auch.

    • papillonindigo: Es wäre schön, wenn Asperger ihre Nischen finden könnten. Viele wären meiner Überzeugung nach auch dazu in der Lage, wenn man sie nur ließe. Leider sind, wie der Blogbeitrag schon ausführt, die geeigneten Nischen durch die Veränderungen der Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten zunehmend verschwunden. Insofern gibt es Asperger, die ihre Nischen finden, aber ich halte sie leider für Ausnahmen. Die Erfahrung, dass Schule und auch Studien- und Berufsberatung kaum bis gar nicht dabei helfen, heraus zu finden, wo die eigenen Stärken wirklich liegen, machte ich leider auch. In dieser Hinsicht hat sich das Angebot meinem Eindruck nach zwar inzwischen verbessert, optimal ist es allerdings noch immer nicht. Was die Förderung von Schwerbehinderten angeht, stimme ich zu, dass noch immer wesentlich mehr auf die Schwächen als auf die Stärken geachtet wird. Da ist es kein Wunder, wenn im Ergebnis nur unterqualifizierte Notlösungen herauskommen. Aber das sind eben oft die billigsten Alternativen …

  2. Vielen Dank für den schönen Kommentar, dem ich mich nur anschließen kann. Einerseits finde ich es durchaus positiv, dass „Auffälligkeiten“ heute viel früher thematisiert werden. Auch ich wünsche rückblickend, ich hätte früher von den Gründen für meine „Andersartikeit“, die ich ohnehin von Kindheit an spürte, erfahren. Gleichzeitig verdankt sich diese größere Aufmerksamkeit aber gerade dem, was Du so treffend zusammen fasst: „Die Luft wird dünner für Menschen mit Besonderheiten“. Trotz aller Lippenbekenntnisse zur “Diversity” sind Menschen, die sich nicht in Äußerlichkeiten wie der Hautfarbe, der Religion oder der sexuellen Orientierung, sondern auf einer viel tieferen Ebene der Persönlichkeitsstruktur vom Mainstream unterscheiden, immer weniger akzeptiert. „Sonderveranstaltungen“ wie jetzt das Projekt von SAP sind ein im Grunde unbefriedigender Versuch, darauf zu reagieren. Sie mögen manchen helfen können, und ich freue mich für jeden, der dadurch einen passenden Arbeitsplatz zu guten Bedingungen findet. Doch sie sind kein “Wundermittel” und kein Patentrezept zut Integration von Autisten.

    • Diversity, Inklusion… bisher eher Lippenbekenntnisse. Aber immerhin darf man sowas jetzt nicht nur denken, sondern sogar aussprechen.

      Beispiel Contergan: als in den 60gern viele Contagan-geschädigte Kinder geboren wurden, war es gerade mal 15 Jahre her, dass nicht mehr offiziell von lebensunwertem Leben – und dessen“ Entsorgung“ gesprochen wurde. Gedacht haben werden es dennoch Viele.
      Ein Contergang-geschädigtes Kind in die Regelschule zu bekommen….ein nerviger Akt, sehr gut beschrieben in der Autobiographie von Prof.Thomas Quasthoff. Schließlich wurde das deutsche Sonderschulsystem in Folge des Conterganskandals ausgebaut.
      Alles war denkbar, aber am wenigsten eine gemeinsame Beschulung. Aber immerhin dachte man wenigstens überhaupt mal darüber nach, behinderte Menschen angemessen ( was man halt dafür hielt ) zu beschulen. Die Etablierung des Sonderschulsystems ist gerade mal 50 Jahre her.
      Und das alles bei sichtbaren Behinderungen.
      Heute werden viele Stimmen Contergan-geschädigter laut, die darauf hinweisen, dass diese Behinderung nicht nur sichtbare Zeichen hat, sondern auch Spät- und Folgeschäden, diese eher unsichtbar.

      Jetzt also reden wir ( nur) über Diversity……die Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen.
      Denken, reden, tun – oder so……

  3. Stimmt, Inklusion ist auch so ein Stichwort, das gut klingt, während die Wirklichkeit oft ganz anders aussieht. Damit Inklusion zumindest in der Schule wirklich funktioniert und für alle ein Gewinn ist (was sie im Prinzip sein könnte) müsste Schule ganz anders und viel individueller organisiert sein. Vor allem kleinere Klassen wären nötig – doch dafür fehlt meinem Eindruck nach zur Zeit der politische Wille – trotz aller Behauptungen.

    Dennoch stimme ich zu: es ist schon ein großer Fortschritt, dass über diese Themen überhaupt diskutiert und entsprechende Forderungen aufgestellt werden können. Die Kontinuitäten zum Nationalsozialismus in der Bundesrepublik waren und sind stärker als vielen bewusst ist. Auch und gerade, was die Behandlung Behinderter angeht (auch die Zwangssterilisationen) entsprach die nationalsozialistische Politik noch lange nach Ende des 2. Weltkriegs einem weitgehenden gesellschaftlichen Konsens, was auch der Grund ist, weshalb diese Thematik erst so spät historisch aufgearbeitet wurde. Und obwohl zumindest die „Euthanasie“ wohl doch von einer Mehrheit abgelehnt wurde, waren lange viele der Ansicht, dass Behinderte am besten in Heimen untergebracht wären und dort „einfache“ Tätigkeiten machen sollten. Demgegenüber war der Ausbau des Sonderschulwesens in der Tat schon ein großer Fortschritt, aber eine höhere Schulbildung, gar Abitur und die Vorbereitung auf ein Studium, war dort auch nicht vorgesehen. Und ja, der Conterganskandal und seine Folgen brachten diese ansonsten oft verdrängte Thematik wesentlich stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein. Vor ein paar Jahren war ich bei einer Lesung der contergangeschädigten Olympia-Siegerin Bettina Eistel, die unter anderem davon erzählte, wie sehr ihre Eltern dafür kämpfen mussten, dass sie eine Regelschule besuchen und dann das Abitur machen dürfte. Erfreulicherweise meinte sie auch, dass sie deutlich merkt, dass die Menschen heute anders und offener auf Behinderte zugehen als noch vor wenigen Jahrzehnten – weil die Welt insgesamt „bunter“ geworden ist. Über die Problematik der Folgeschäden, die für Contergangeschädigte oft viel schlimmer sind als ihre angeborenen Körperbehinderungen (mit denen viele inzwischen gut zurecht kommen) hörte ich auch schon – und auch, dass es meist wenig Verständnis oder Hilfe dafür gibt, weil sie im Gegensatz zur primären Behinderung „unsichtbar“ sind.

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