leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

B-wort und auch-Diskussion

10 Kommentare

Gestern hörte ich sie wieder, die Frage, die mich jedes Mal in einen emotionalen Strudel von Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Zweifel stürzt.
Was ich mir selbstverständlich nicht anmerken lasse, höre ich sie doch seit vielen Jahren.
Immer dann, wenn die Welt draußen meinem Teenie klar macht: du gehörst nicht richtig zu uns.

Ein “ Lückenkind „, das weder in die Schule passte, noch zu den Schulabbrechern mit überwiegend sozialen Schwierigkeiten gehört und nun dennoch in deren Mitte versucht, für sich einen Weg zu finden.
Das in einer Musikgruppe spielt, in der nur Gymnasiasten sind, die neben der Schule auch noch Kraft für Einzelunterricht , Auftritte und andere Hobbys haben. Belastbar eben.
Das nicht in einem Schonbereich leben möchte und doch in der Welt der Neurotypischen Menschen immer wieder an (seine) Grenzen stößt.

Mum, hättest du lieber ein anderes Kind gewollt?

Ja, Pubertät ist für diese Art Fragen typisch, meist jedoch als Vorwurf an die elterliche Instanz gerichtet: ihr hättet wohl lieber so ein braves Vorzeigekind bekommen …usw.
Wenn’s nur Pubertãt wäre, hätte diese bei uns schon im 4. Lebensjahr begonnen.

In ihrer Frage kein Hauch von Vorwurf.
Unsicherheit, ganz tief.
Wieviel elterliche Liebe und Akzeptanz braucht mein Kind, um sich unserer/ meiner sicher zu sein?
Darin verborgen auch Tennies Wunsch, eine Andere zu sein, nicht besonders…. und doch wieder nicht.
In diesen Momenten, wenn Teenie stinkwütend nach Hause kommt, verzweifelt an sich und an diesem vertrackten Leben, das sie nicht dort hereinlässt, wo die anderen sind, bleibt uns nur das Bündnis gegen Konventionen, die nicht richtig sind, gegen Maßstäbe, die nicht die unseren sind und wenn wir es schaffen : der Blick auf Fähigkeiten, von denen all die Menschen, die diese Maßstäbe aufstellen, da draußen noch nicht einmal ahnen, dass man sie haben kann.

20130818-113236.jpg

Während Teenie schon längst über den akuten Frust hinweg ist und sich den schönen Seiten des Lebens zuwendet – chillen bis der Arzt kommt – bin ich immer noch mit dem Unverdaulichen beschäftigt.

Meine Elterni schickt einen Artikel aus Die Zeit herum.

Dass es dich gibt
…..Das Wort »Behinderung« nehmen wir lange nicht in den Mund. »Das B-Wort«, sagt mein Mann. Als brächte es Unglück, es auszusprechen…..

Er kommt gerade richtig, auch wenn wir eine nicht sichtbare – und viel mildere – Thematik haben. Dennoch erkenne ich mich in Vielem wieder.

Um wie viel diffiziler die Problematik bei Beeinträchtigungen, die nicht sichtbar sind, ist, zeigt eine Diskussion um das kleine Wörtchen „auch“ im Blog aspergerfrauen.

„Du fährst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil du die vielen Menschen und das Gedränge nicht ertragen kannst? Ich mag das auch nicht und muss trotzdem jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit fahren.“
Würde jemand zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Du fährst nicht mit dem Zug, weil es an der Haltestelle keinen Aufzug gibt? Ich mag es auch nicht, Treppen zu Fuß hinaufgehen und fahre trotzdem jeden Morgen von dieser Haltestelle aus zur Arbeit.“? Wohl kaum.

Neben vielen Verletzungen und des Gefühls, von niemandem verstanden zu werden, welches dieses Wörtchen uns oft gebracht hat, empfinden wir es heute doch eher als hilfreich.
Man kann Menschen leichter etwas klar machen, wenn man an ihr eigenes Empfinden anknüpft:
“ Stell dir vor, du hattest Fieber, bist nun ganz wackelig auf den Beinen, musst aber einkaufen gehen. Während dessen fragt dich jemand das große 1x1ab. Du versuchst natürlich, alles richtig zu beantworten. Wie geht es dir damit? “ – Und stell dir jetzt mal vor, dass es für dich fast jeden Tag den ganzen Tag so ist…..“
Nicht so schwer.
Auch …kann ein gutes Wort sein.

Ihr wisst sicherlich, was ich meinem Kind geantwortet habe.
Und es stimmt, aus tiefstem Herzen.

Was ich aber nicht gewollt habe, sind die in den beiden Quellen zum Ausdruck kommenden Rahmenbedingungen.
Teenie ist ein Kind dieser Zeit – mit ihren vielfältigen medizintechnischen Möglichkeiten, über die sie selbstverständlich liest und hört. Und sich Gedanken macht.

Das bringt einen ganz besonderen Zungenschlag in die Frage: hast du mich lieb so wie ich bin?

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.

Advertisements

10 Kommentare zu “B-wort und auch-Diskussion

  1. Mein B- Kind ist das einzige Wunschkind. Die zwei grossen kamen ungeplant und unerwartet.
    Und hätte ich dieses Kind nicht gewünscht und bekommen, ich wüsste noch heute nicht warum ich so hektisch bin…..
    Durch die späte Diagnose des B Kindes kam auch die B Mama zur Diagnose und Behandlung.

    Was uns sicher vereint, liebe Leidenschaftlichwidersynnig ist, dass wir wie die Löwinnen für unsere B Kinder kämpfen!
    Aber es lohnt sich, dann zeigen sich ab und an Blüten, die dann beim Powerchillen wieder welken, aber es gibt sie! Und sie brauchen einfach mehr Zeit zum wachsen ( innerlich), äusserlich ist mein Teenie gross wie ein Bär 😉

  2. Tja, wie kann man Eltern stark machen, mit ihren Kindern zu reden …………………. ich weiß es leider nicht. Denn gerade bei diesen Fragen geht es weit über die „einfache“ Frage hinaus.

    Mit 4ren, wo zwei eindeutige „B-Kinder“ (das hört sich absolut unmöglich an, wie 2. Wahl 😦 😦 😦 ); nein es sind alle vier absolute A-Kinder (absolut ausgezeichnet); wovon drei sich mit der Pubertät rumquälen und damit auch mich, kommen solche Fragen oft in abgewandelter Form.

    Es macht unruhig, dass man evtl. zu wenig sich gekümmert hat, zuwenig es gesagt hat, zuwenig es vor anderen gesagt hat ………..

    wie sehr ich meine Kinder achte
    wie stark ich sie liebe
    wie unverwechselbar und GUT sie sind

    ganz gegen alle Normen

    dass ich ihre Kraft bewundere, sich jeden Tag in die Schule zu quälen, wo sie doch wissen, was sie dort erwartet. Und dass sie trotzdem nicht aufgeben.

    Und wie sehr ich hoffe, dass sie diesen Hort der Kraft nicht verlieren.

    In ganz ruhigen Momenten, auch nach außergewöhnlichen „Gewittern“ kommen dann doch mal Kommentare, dass sie mich trotzdem verstanden haben. Das meine Worte sie erreicht haben. Und ich bin dann froh, nicht aufgegeben zu haben, es immer und immer wieder zu betonen.

    Keins meiner Kinder passt in die Norm. Und ich bin froh darüber.

    Leider benötigt die Gesellschaft den „Stempel“ Behinderung um Hilfe zu leisten.

    Leider ist unsere Gesellschaft noch nicht in der Lage, Hilfestellungen zu geben, ohne Diagnose.

    „Norm“ale Menschen haben ein Problem damit, sich mit Unzulänglichkeiten „abzugeben“. Sie scheitern oft schon daran, dass Alter zu akzeptieren.

    ABER um das Alter zB kommt keiner drumrum. Und diese „LariFari / Kunterbunt / Alles geht zu jeder Zeit“ Gesellschaft stößt immer mehr an ihre Grenzen und ich hoffe sehr, dass dann sowas wie das Wort Behinderung nicht mehr so die Bedeutung hat, wie es heute noch weitergegeben wird.

    Machen wir unsere Kinder stark. Werten wir ihre Besonderheiten und Stärken auf. Geben wir nicht auf, unseren Kindern zu helfen ihren Weg zu finden.

    Und ich bin davon überzeugt, dass sich Wege öffnen. Für unsere Kinder! Begleiten und stärken wir sie dafür!

    • Da hast du Recht: „Unzulänglichkeiten“ welcher Art auch passen nicht.
      Wir werden unsere Kids begleiten und sie wissen sicher, wie sehr wir sie so lieben sie sind.
      Aber gerade in der Pubertät zählt Mutters Wort nicht mehr so….die Anerkennung vom Rest der Welt wird wichtiger. Und die Erkenntnis, dass diese versagt bleibt, größer.

      Und: es wär schon schön, wenn wir ein wenig mehr Unterstützung bei dieser Aufgabe hätten….

      Danke für deinen Kommentar und weiterhin viel Kraft für dein A-Team!

  3. Gott sei Dank haben wir über den „Stempel“ uns diese Unterstützung erkämpfen können!

    Mittlerweile ist es ein Team von vielen, dass uns nicht alleine lässt.

    Die Pubertät verschlimmert das Problem der Anerkennung tatsächlich! Aber ich habe erfahren dürfen, dass es mehr Menschen gibt, die sich einsetzen, als man gemeinhin so annimmt.

    Und ich renne nachwievor vor „Meterdicke Mauern“ um diese „einzureißen“. Nur schade. dass es „nur“ Erwachsene sind, die Anerkennung gegenüber den Kindern aussprechen.

    Man müsste die Eltern der anderen Kindern viel früher erreichen! Damit diese bei ihren Kinder für Sensibilität sorgen.

    Dies können auch die Eltern von besonderen Kindern tun! In dem sie immer wieder darauf hinweisen. Und sich nicht scheuen, ein Netzwerk um sich herum zu errichten.

    Nach über 3 Jahren fällt es mir heute nicht mehr schwer, zu sagen, dass wir Jugendamtsbetreut sind. Dass wir deren Hilfe benötigen, weil die Gesellschaft von sich aus nichts gibt. Und das wir nicht in den „Topf“ derer gehören, die sich nicht kümmern und Verantwortung einfach abgeben.

    Ich kann nur sagen, dass es sich lohnt, sich diese Hilfen zu erkämpfen. so früh wie möglich den „Unzulänglichkeiten“ auf den Grund zu gehen, gegen den „Aufschrei => drück deinem Kind doch keinen Stempel auf“ aufzustehen und mitzuteilen, dass ja niemand ohne Stempel freiwillig Hilfe leistet. Auch die Menschen nicht, die diesen „Aufschrei“ loslassen. Oder GERADE Diese nicht. Das sind eher die, die sich wie die 3 Affen benehmen und keine Verantwortung übernehmen (wollen). Und sich durch den „Stempel“ unangenehm berührt in Verantwortung „gedrückt“ fühlen, welche ihnen zuwider ist.

    Leider habe ich auch schon Ärzte so etwas sagen hören. Und obwohl diese es eindeutig besser wissen sollten, verhalten sie sich ähnlich. Psychiater und Psychologen sind halt leider auch nur Menschen.

    Auch Dir weiterhin die Kraft, Antworten zu finden. 😉

    • Gut, dass ihr Unterstützung habt.
      Bei uns streiten sich die Geister mit den weißen Kitteln von Beginn an ob und wenn ja welcher Stempel denn der richtige wäre.
      2 Weißkittel, 3 Meinungen.
      Irgendwann hat man da genug von…..

      • Das hatten wir ein halbes Jahr nach der ersten Diagnose auch. 😦 Wir haben daraufhin 16 Monate verzweifelt versucht, den Großen (damals 14) wieder in die Schule zu bekommen. Es war ein Kampf, der mich irre gemacht hat! In der Zwischenzeit wurde der Zwerg immer auffälliger. Aber keine Zeit, sich hier schon früh zu kümmern. 😦 Zwischendurch drohten die Mädchen abzurutschen.

        Nein, die Ärzte aus der Klinik waren der Graus schlechthin. Fachrichtung Schizophrenie kann halt einen Autisten nicht diagnostizieren. Gelangt zu den falschen Schlüssen. Nicht ohne Grund haben wir nun eine Ärztin, wo wir über eine Stunde fahren müssen.

        Ja, es ist ein elender Kampf, An jeder einzelnen Stelle. Zwischendurch hatte ich angeboten, meine Kinder grünkariert anzustreichen. Hauptsache sie bekommen die Hilfe, die sie benötigen!

        Und ich hab das durchaus ernst gemeint. Ich glaube, DASS war dann der Punkt, wo unser JA mich dann endlich ernst nahm. Und was wir für idiotische Vorschläge zwecks Beschulung bekamen, kannst Du Dir bestimmt vorstellen.

        Ich wünsche jedem, dass er den Kampf nicht aufgibt. Sich traut in eine Selbsthilfegruppe zu gehen und/oder sich im Netz „schlau“ zu lesen und in Foren nachzufragen!

        Fragen, mit anderen Eltern sich austauschen und mit Selbstbetroffenen sprechen, dass sind Wege die weiterhelfen. dadurch lernt man zum einen den Autismus der Kinder oder bei sich selbst zu verstehen und zum anderen bekommt man wertvolle Tipps im Kampf gegen die „Windmühlen“ (Bürokratie). Auch kann man das Glück haben, sich ihm Behördendeutsch Übersetzungen geben zu lassen.

        Ich glaub Dir gerne, dass Du an einem Punkt bist, wo die „Luft raus“ ist. Aber eines glaube ich auch, dass Du Dein Kind niemals aufgibst. Und da hat Dein Kind einen ordentlichen Pluspunkt! Und Du meinen Respekt!

  4. Mein Löwenkind hat sich gestern vom Chillen gelöst und meinen Computer, der sich nicht mehr anschalten liess, repariert.

    Er analysierte zuerst, dass es am Netzteil liege.
    Dann hat er völlig easy das Gehäuse aufgeschraubt und das Netzteil, mit einem Netzteil aus seiner Ersatzteilsammlung ersetzt.
    Dabei trug er um eines der Handgelenke eine Erdung und hat auch gleich alle Bauteile von Staub befreit.

    Ich Idiot habe kein Foto gemacht. Das ganze ging 15 Minuten 🙂

    Seine grösseren Stino Geschwister könnten so was nie, die rufen bei Problemen schon immer den Kleinen Löwen.
    Das sind herrliche Blüten die er treibt und klare Zeichen dafür, dass er was drauf hat:-)

  5. „Zwischendurch hatte ich angeboten, meine Kinder grünkariert anzustreichen. Hauptsache sie bekommen die Hilfe, die sie benötigen!“ danke 🙂 ich habe grade tränen gelacht und mcih dann erinnert, wie ich heulend und stinksauer vor einem kinderarzt saß und meinte:“ ist mir egal, wie das heißt, und wenn man es sack reis in china nennt, sie braucht HILFE!“
    es hieß dann doch, 8 jahre nach der verhängnisvollen fehldiagnose bei ihr, ADHS,…war ne harte zeit für meine chaosprinzessin und mich
    die frage ob ich ein anderes „normaleres“ kind gewollt hätte, kam hier auch ab und an, aber meistens sahen wir uns dann an und fingen bei der vorstelung tierisch an zu lachen, nachdem ihre tränen getrocknet waren, ich würde meine tochter auch lieben, wenn sie nicht mein kind wäre, sie ist einer der intelligentesten und liebevollsten menschen, die ich kenne und „normal“ hätte hier einfach nicht reingepaßt

schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s