leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Schau mal an

15 Kommentare

Hätte es dieses Buch schon vor zehn Jahren gegeben: ich hätte mindestens 10 davon gekauft und an Teenies Lehrer_innen, die Schulleitung, Musik-und Sportverein, und natürlich auch diversen lieben Familienmitgliedern geschenkt.

Nicht, dass ich diesen Personenkreis nicht informiert hätte.
Es gibt sehr gute Bücher zum Thema ( z.b. Tony Attwood, Christine Preißmann).
Es gibt Handreichungen von Autismus Deutschland, kleine Broschüren, nicht teuer und doch gut.

Es gibt Tante google.

Und es gibt leider Ignoranz.

Deshalb hätte ich es auch nicht den Ärzten gegeben, die mögen es nämlich nicht, wenn man ankommt und sagt: hier, da bin genau ich/ bzw. mein Kind beschrieben.

Die wollen ihren ICD-Katalog abarbeiten.
Ihre standardisierten Fragen und Tests loswerden.
Im Prinzip richtig, aber ….
Haben sie jemanden vor sich, der weiß, was NT’s (1) tun oder sagen würden und kann es gut nachahmen, dann denken sie: o.k., ein bisschen schräg, das eine oder andere Kriterium erfüllt, aber insgesamt bildet sich das

a) die Mutter ein ( meistens der Mensch, der mit dem Kind zum Arzt latscht)
b) ist das Kind manipuliert, verwöhnt oder sonst wie falsch erzogen
c) die Eltern wollen es sich mit einen Modediagnose einfach machen
d) bei der Mutter hätte ich auch ein Trauma
e) … und allerhand mehr aus der Psychokiste, meist tiefenpsychologisch orientiert

Oder so.
Das ist nicht erfunden, sondern so erlebt und einiges davon haben wir schwarz auf weiß.

Aber nun haben wir dieses Buch.
Es spult nicht die Diagnosekriterien ab, ergänzt mit ein paar Beispielen.
Leser_innen müssen keinen gedanklichen Transfer von abstrakten Formulierungen in ein Nachempfinden von Erlebtem leisten.
Man muss nicht in der Lage sein, komplizierte Texte zu lesen oder sich auf ausführliche Beschreibungen zu konzentrieren.
Es ist unwissenschaftlich.
Kurzweilig.
Ein Bilderbuch.
Nicht für Kinder, aber über ein Kind.
Ein autistisches, und wie es seine Kindheit erlebt hat.
Sehr schön anzuschauen und zu lesen mit älteren Kids und überhaupt nicht langweilig für Erwachsene.

Daniela Schreiter, bekannt im Netz als Fuchskind, hat mit ihrem Comic Schattenspringer ein wunderbares Buch vorgelegt, in dem anschaulich vom Alltag eines autistischen Kindes erzählt wird.

“ Ich begann ein Doppelleben zu führen. Draußen war ich der NT, der so gut wie möglich versuchte, normal zu wirken, was auch immer das hieß und bedeutete. ( ‚…..hoffentlich mache ich nichts falsch! Gehe ich normal oder wirkt mein Gang komisch? Und was………. ) “

“ Zu Hause war ich wieder ich ICH und lebte mein Leben, wie es mir gut tat.“

“ Ich war ein Superheld der besonderen Art und niemand wusste von meiner geheimen Identität“.(2)

Dazu gibt es wunderbare Zeichnungen, zusammen mit den sorgfältig ausgewählten problematischen Situationen eine treffender als das andere. Leseprobe hier

Obwohl die einzelnen Kapitel von den Schwierigkeiten autistischer Menschen im Alltag handeln, kam bei keinem ein beklemmendes Gefühl auf.
Nur ein : ja, so ungefähr hat mir Teenie das auch beschrieben.

Das Dilemma mit sozialen Kontakten, mit dem Sport- und erst Recht Schwimmunterricht, die heilige Ordnung persönlicher Dinge, das Unbehagen in Menschenmengen und die vielen Bemühungen, sich genau wie die anderen zu verhalten und doch so anders gestrickt zu sein.

Daniela Schreiter berichtet aus ihrem eigenen Leben.
Sie beschreibt ohne zu bewerten.
Das macht das Buch so lesenswert.
Sie hilft ein wenig die Augen zu öffnen für Dinge, die NT’s nicht sehen (können).

Teenie, sonst eher abgeneigt diesem Thema gegenüber, weil sie SIE sein will und keine Diagnostische Bezeichnung, wurde neugierig durch meine Bemerkung:
‚ich wusste gar nicht, dass du heimlich ein Buch mit herausgegeben hast‘ ,
schnappte das Buch und las und las und las.

„Wie kann jemand so genau mein Leben beschreiben? “

Ja, wie wohl ? 😉

Ein Buch, das in jedem Lehrerzimmer, in betroffenen Familien oder wo auch immer unsere special heroes sich regelmäßig aufhalten, herumliegen sollte.

Ich wette, da kann kaum einer die Finger von lassen!

(1) Neuro Typisch
(2) Schattenspringer S. 142

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15 Kommentare zu “Schau mal an

  1. Das Buch ist draußen?? TOLL!

    Jetzt weiß ich, was ich als nächstes kaufe!!!! bzw. ich habe es gerade bestellt. 😆

    All Deine Bemerkungen, die Ärzte bei „angepassten“ Kindern so machen, habe ich genauso mehrfach erleben müssen. einfach nur zum k…..

    Und wir beide sind da absolut nicht alleine!

    All die Handreichungen werden nicht gelesen. Leider.
    All die Empfehlungen werden hinterfragt, anstatt einfach mal auszuprobieren.

    Mein Sohn meint, er müsste erst deutlich zeigen, dass er nicht mehr kann, damit die NT-Lehrer verstehen, dass er nicht mehr kann. Oder es klarer gestalten und erfragen – erbitten, was sie möchten.

    Es ist noch soviel Arbeit zu tun. Und viele „Fach“Leute gehören selber in Schubladen, am besten die, die von dem berühmten „Stempel“ sprechen. *sauer bin, wenn ich nur dran denke*

  2. Schöne Gespräche 😆

    Aaaaaaaaslo, Buch ist da, die Große hat es in einer Stunde gelesen. Viel schneller als gewöhnlich.
    Es kam zurück mit den Worten, „ganz gutes Buch ………………. “
    Mal sehen, was in den nächsten Tagen und Wochen geschieht.

    Ich werde dann nachher mal in Ruhe lesen, einen Teil kenne ich ja schon aus dem Netz, es liest sich ja wirklich schnell. Und meine Buchhändlerin meines Vertrauens war auch recht angetan von der Machart und der Thematik. 😉

    • Für uns ist ja das tolle, das endlich. Mal ein Mädchen beschrieben wurd, da ist der Identifikationsgrad natürlich höher …

      • Klar ist er höher. Deshalb hab ich auch die leise Hoffnung, wenn ich das Buch gekauft habe, dass das dann mein Töchting auch mal in die Hand nimmt. Die kannst du ja normalerweise mit dem Stempel „Asperger“ meilenweit jagen. Ist eben eine ganz andere Situation als bei mir. Sie empfindet die Diagnose als „übergestülpt“, wo ich sie empfunden habe als „endlich hat das Ding einen Namen!“. Ich denke allerdings, dass sie, auch wenn sie es dann gelesen haben sollte, nicht mit uns sprechen will, zumindest nicht mit mir. Muss sie aber auch nicht.
        Aber wieso „endlich mal ein Mädchen beschrieben“? Ich kenne nur „Igelkind“, „Colines Welt“ und jetzt „Schattenspringer“, allesamt Mädchen. Ach so, der Benjamin aus „Mama, ich hab eine Anguckallergie“ ist ein Junge. Ansonsten kenne ich nur „Mädchen-Bücher“, sowohl bei Kannern („Igelkind“) als auch bei Aspies. Dass Mädchen als Aspies nicht so wahrgenommen werden, lässt ja glücklicherweise nach, wenn auch seeeehr langsam.

      • Aber in den Fachbüchern und den Diagnosekriterien wird sich doch oft an Jungen orientiert. Ich kenne Fledermäuse und Buntschatten und supergute Tage….und englischsprachiges zu Mädchen ( außer Aspergirls und Überraschend anders )

  3. Mein großes Mädchen hatte mit diesem Buch ihr erstes Buch über Autismus in der Hand. Mittlerweile steht ja die Diagnose für alle 4 (2 Jungs, 2 Mädchen).

    Interessant war aber eindeutig, dass sie gestern auf eine Diskussion mit meinem Mann (der genau wie ich im Verdacht steht, autistisch zu sein) über Detailverliebtheit, sie postwendend zum Buch ging, direkt die richtige Seite aufschlug und dies meinem Mann vorlegte.

    Reaktionen geschehen hier eigentlich seehr zeitverzögert. Identifizieren konnte sie sich gut. Und sie fand toll, dass klar darin stand, dass es kein Schema gibt, wo alles passen „muss“.

    Aber eine 3/4 Stunde Lesezeit und dann das Erinnerungsvermögen an einzelne Seiten finde ich schon phänomenal. Habe ich so bei ihr noch nicht erlebt.

  4. @ Bernhard

    dann kommt noch

    „Elf ist freundlich und fünf ist laut“ von Daniel Tammet
    „Schau mich an!“ von John Elder Robison
    „Mein fremder Sohn“ von Portia Iversen (Kanner)
    „Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst“ von Fulvio Ervas (Kanner)
    „Das Häschen in der Grube“ von Nadine Brache (sehr verstörend und nicht als Erstlektüre zu empfehlen
    „Freaks, Geeks an Asperger Autism“ von Luke Jackson (leider nicht auf deutsch zu beziehen)
    „Build your own life“ von Wendy Lawson (auch nur auf englisch)
    „Aspergirls“ von Rudy Simone (ist jetzt auch auf deutsch draußen)
    „Freude ist wie ein großer Hüpfball in meinem Bauch“ von Sabine Kiefner (die leider letzten November verstorben ist)

    Die Ratgeber von Christine Preißmann sind wirklich gut und richten sich auf beider Geschlechter aus. Speziell für Mädchen und Frauen hier hervorzuheben

    „Überraschend anders: Mädchen und Frauen mit Asperger“

    Für Erwachsene

    „“Anders sein: Asperger Syndrom und Hochfunktioneller Autismus im Erwachsenenalter“ von Kai Vogeley

    Es gibt zwar schon etliches von Frauen für Frauen und Mädchen. Aber der Comic ist einfach genial!

    Kurz, kompakt und durch die Bilder viel einfacher zu verstehen. Einen Eindruck davon kannst Du auf http://www.fuchskind.de bekommen.

    @leidenschaftlichwidersynnig

    T’schuldige für das OT und die ganzen Titel. Musste halt raus 😉

    Soooooo, Buch nun auch selber durchgelesen. Einfach fantastisch, sich selbst erklärt zu bekommen. Und direkt der Schulbegleitung als Muss empfohlen.

    Daraus kann man nämlich auch Social Stories ableiten. 💡 😉

    LG Anita

  5. Ich kann leider den Smiley nicht deuten, aber ich hoffe, dass er positiv ist. 😉

    Nun hat Tochter Klein, dass Buch auch durch. Und da kam, obwohl „nur“ atypisch, sofort der Kommentar ….. „wie kann die mein Leben beschreiben??“

    Tja, jetzt hoffe ich, dass auch der Große das Buch mal in die Hand nimmt. Der ist nämlich im Bereich „ich akzeptiere meine Behinderung“ der größte „Pflegefall“. 🙄

    Intern geht es, aber in der Schule, da ist es ganz schwer. Schwankt zwischen Extremfall und extremer Anpassung, was wieder in den Extremfall führt.

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