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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Gekniffen

6 Kommentare

Ausgangspunkt:
Du hast ein Kind, das die Welt anders erlebt als die meisten anderen Menschen und sich dementsprechend abweichend verhält.
Es ist egal, ob es sich um HS, ADHS, ASS oder Teilleistungsstörungen handelt.
Wichtig ist : man sieht nichts.

Du befindest dich in einer Gruppe von Menschen.
Zunächst fällt dein Kind nicht auf und du auch nicht.
Möglicherweise könnt und wollt ihr allseits beliebte Aktivitäten nicht mitmachen, braucht mehr Pausen als andere oder ein drohender Overload scheint wie extreme Bockigkeit und Aggressivität.
Je öfter du mit einem unverfänglichen nein danke, heute nicht…. X mag es nicht so laut …..das ist nicht so unser Ding….. antwortest, desto mehr landest du mit deinem Kind in der Schublade: komisch, Spaßbremse, arrogant oder was weiß ich.

Du sitzt in der Klemme.
Spätestens wenn sich Fragen, Bemerkungen oder sogar Beschwerden, das Verhalten deines Kindes betreffend, häufen.
Wenn spitze Bemerkungen fallen, weil niemand nachvollziehen kann, warum du deinem Kind den langen Zügel dort gibst, wo andere Eltern ihre Kinder an die Kandarre nehmen und umgekehrt.

Klar antworten oder ausweichen?

Je älter das Kind ist, desto problematischer wird es mit dem Antworten.
Gefragt, warum denn dein 2jähriges z.B. noch nicht läuft, kannst du was von Entwicklungsverzögerung blabla …..murmeln.
Je nach Tonfall der Frage darf auch gern die Antwort ausfallen. Oft steckt nämlich nicht Interesse am Kind, sondern Lust auf Vergleichen mit dem eigenen Kind, welches dabei locker prima dasteht, dahinter.

Nach dem Verhalten eines Teenies gefragt, kann man eigentlich nur
sagen : frag sie/ ihn selbst.
Was sich niemand traut.
Abstempeln ist einfacher.
Stellt sich also auch hier wieder die Frage : wie und wie lange schütze ich mein Kind vor Unverständnis und Ausgrenzung?

Wie schütze ich mich?

Das Dilemma: die Interessen der Kinder sind nicht unbedingt identisch mit denen der Eltern.

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Katalog der Widersprüchlichkeiten

1. es geht niemanden etwas an, was dein Kind hat
2. dein Kind hat Persönlichkeitsrechte, die du verletzt, wenn du z.b. Diagnosen (ohne Einverständnis ) offenbarst
3. dein Kind soll von anderen nicht unangemessen und irrtümlich beurteilt, gefordert oder sogar ausgeschimpft werden
4. du möchtest dein Kind schützen
5. du möchtest, dass auf seine Disposition Rücksicht genommen wird
6. dein Kind soll integriert werden
7. du hoffst auf Verständnis für dein elterliches Verhalten
8. und noch immer, dass Information der Schlüssel dafür ist
9. du willst nicht als Elternteil da stehen, das alles falsch macht
10. du möchtest Akzeptanz für dein Kind und dich
11. wie viele Eltern suchst du den Austausch mit anderen Eltern ( auch wenn die Kids in der Pubertät sind)
12. mangelndes Wissen bzw. Vorurteile des Umfeldes machen dich immer wieder zum Erklärbären
13. aggressive Reaktionen wie: Quatsch, das Kind hat nix, das muss nur mal…..gab es früher auch nicht….. zwingen dich in eine ungewünschte Rechtfertigungsposition
14. Kinder hassen es, wenn über sie geredet und noch mehr, wenn über sie gestritten wird
15. du bist nicht immer cool genug, um unqualifizierte Bemerkungen an dir abperlen zu lassen

In der letzten Zeit bin ich gehäuft auf Gruppen in sozialen Netzwerken gestossen, in denen sich detailliert über Diagnosen der Kinder ausgetauscht wird.
Da wird mir schwindelig.

Das Internet ist oft die einzige Hilfe, die betroffene Familien bekommen, das ist mir klar. In vielen Foren bekommt man Antworten auf Fragen, die man beim Arzt noch nicht einmal los wird.
Auch der Austausch zwischen den Eltern ist qualitativ etwas anderes als mit Eltern nicht betroffener Kids. Aber diese speziellen Foren sind im Vergleich zu fb und Co relativ gut geschützt.
Auch mir ging es so: ohne Hilfe aus dem Netz hätte ich mich ohne jede Leitplanke meiner unbekannten Aufgabe stellen müssen. Hätte viele Infos nicht bekommen, manche Anlaufstelle nicht gefunden, langjährige persönliche aber virtuelle gegenseitige Unterstützung nicht erfahren.

Ich selbst bevorzuge einen offensiven Umgang mit Einschränkungen. Auch was mich selbst betrifft.
Aber gilt das auch für mein Kind?
Schwierig: die Einschränkung meines Kindes ist auch zum Teil meine ( geworden).

Die Lösung könnte sein

Nehmt mein Kind wie es ist.
Macht mit uns zusammen, was geht.
Macht nicht aus allem ein Problem.
Oft reichen kleine Veränderungen, um stressfreies Miteinander zu ermöglichen.
Urteilt nicht, wenn ihr keine Ahnung habt.

Ihr seid eingeladen zum Gedankenaustausch

Wie geht ihr damit um?
Wie lebt ihr mit diesen Widersprüchlichkeiten?
Was hättet ihr euch von euren Eltern in dieser Hinsicht gewünscht?
Offensive oder Diskretion?

In diesem Zusammenhang ist mir ein Interessanter Artikel bei wer-ist-Thomas-mueller.de aufs Display geflimmert: Raul Krauthausen, Aktivist für Behindertenrechte, im Interview:

Im Bezug auf Behinderung sind die Deutschen sehr bemüht, stehen sich aber dabei auch selbst im Weg. Sie sprechen viel über behinderte Menschen, aber nicht wirklich mit ihnen. Ich beobachte da einen fehlenden Pragmatismus. Weil die Deutschen generell so ein bürokratisches Volk sind, verstecken sie sich gerne hinter Regeln und Bestimmungen. Alles muss immer überkorrekt sein. Wir problematisieren einfach zuviel, anstatt einfach mal zu gucken, wo die Gemeinsamkeiten sind und wie man einen einfachen, entkrampften Weg finden kann, eine selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung zu ermöglichen. mehr

Ich freue mich über Diskussionsbeiträge/ Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.

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6 Kommentare zu “Gekniffen

  1. Mir gefällt dieser Artikel wirklich sehr gut. Und ich kann nun nachvollziehen, wie sich meine Eltern wohl fühlen müssen, Eine Tochter mit schwerwiegendem ADHS (ich) die ganz anders ist, als die Schwester, Verwandte etc. Das es zu einer extremen Belastung werden kann, wenn sie sich ständig rechtfertigen müssen, warum die Tochter noch mit 39 studiert. Warum sie in einer Werkstatt für Behinderte war, warum sie kämpfen musste um ihr Abitur nachzuholen……
    Als Kind galt ich einfach als unerzogen frech.. und mit materiellen Gütern verwöhnt. „Sie muss sich nur auf den Boden schmeissen und heulen und dann bekommt sie eh was sie will….“
    .Was gar nicht stimmt, da ich der Meinung bin eine ziemlich schöne Kindheit im Dorf genossen zu haben. „Euer Kind hat einfach zu wenig Liebe bekommen“, daher ist sie so widerspenstig. So etwas müssen sich meine Eltern heute noch anhören. Natürlich könnte ich Ihnen Vorwürfe machen, dass ich nicht früher gefördert worden bin, oder das man das ADHS nicht in meiner schwierigen Pubertätsphase erkannt hat, denn dann wäre mir wahrscheinlich einiges in meinem Lebenslauf leichter gefallen. Jedoch denke ich, dass sie doch wirklich alles versucht haben. Allerdings verlebte ich meine Schulzeit auch in den 80/90gern. Da gab es faktisch so etwas nicht. Ich denke heutzutage würden meine Eltern offensiver damit umgehen. Das erkenne ich zumindestens daran, wie ich nun gefördert unterstützt und meine Talente und Potenziale erkannt werden. ich wünsche mir einfach nur mit dem, was mirim alltäglichen Leben zum Handicap gemacht wird, (Bürokratie,…), Unterstützung und Hilfe und Akzeptanz und Respekt für meinen doch etwas schrägen und anderen Weg. Der wichtigste Wunsch jedoch ist, das sie Stolz sind auf das was ich erreiche. Und sich durch die teilweise wirklich üblen Nachreden, nicht belastet und schuldig fühlen, das ihr Kind anders ist als andere.

    • Danke für deine Offenheit.
      Du spricht einen heiklen Punkt an: Schuldgefühle.
      Ich bin sicher, dass viele Eltern super stolz auf ihre Kids sind. Weil sie wissen, was diese täglich leisten.
      Aber unser Stolz wir klein geredet von Menschen, die Erfolg an materiellem und Status messen.
      Ich hoffe, du findest die Unterstützung, die du brauchst.
      Und was die Eltern angeht : mich hat neulich ein “ danke, dass du immer an mich glaubst“ in den siebten Himmel gehoben 😃

  2. Bei uns im Forum achten einige User sehr darauf, „Neuen“ mitzuteilen, dass der Austausch wichtig und richtig ist. Und vor allem Notwendig!!

    Aber das „wir“ Eltern immer darauf achten sollen, dass die Kinder es

    a) später oft selber nachlesen können
    b) als Eltern später keine Scham darüber entstehen sollte, was man geschrieben hat
    c) die Anonymität des Kindes IMMER im Vordergrund stehen sollte

    Offenheit, soweit von den Kindern abgenickt, ist sehr wichtig!
    Stärkt es auch oft den Kindern den Rücken.

    Klarnamen sollten NICHT öffentlich im Netz stehen! 💡

    Denn wir haben IMMER die Verantwortung für alles, was wir getan haben. 😉

    Es ist ein „Spaziergang“ auf dem Drahtseil, den Weg zwischen Offensive und Defensive zu finden.

    Aber ohne Offensive geht es NICHT.

    Denn dann erreichen wir kein Verständnis!

    Meistens ist es den Kindern selber irgendwann klar. So zumindest die Rückmeldung meiner schon etwas größeren Kinder. Die kleineren profitieren schon jetzt von der Offensive. Dadurch „fühlt“ es sich „leichter“ an.

  3. Meine Eltern mussten sich einiges anhören als ich klein war… Schon als Baby war ich auffällig. Ja, Schuldgefühlen hatte meine Mutter immer wieder. Mit Fachpersonnen hatte sie auch geredet und dann war wieder der Schuld auf ihr geschoben…
    Irgenwann liest sie auch von POS als ich etwa 8 Jahre alt war… Aber sie hatte keine Lust mehr der richtige Fachpersonn (der damals, etwa um 1980) sehr schwierig war zu finden und Therapie gab es auch nicht…
    Sie hat probiert mich so nehmen wie ich war, was ich auf gefühlt hatte… Sie hat probiert anderen zu sagen, ich sei einfach so… Ich war ähnlich wie mein Vater und meine Oma.
    Aber als ich als erwachsene die Diagnose bekommen hatte, habe ich gemerkt was es für entlastung es war für ihr zu hören: „Daran bist du nicht schuld, ich bin so geboren“.
    Vorher… Auch bei mich, war der Schuld bei meine Eltern gesucht… ich habe es auch gesucht… Klar, einige Fehler haben sie schon gemacht, aber es erklärt wirklich nicht alles!
    Heute, denke ich nicht dass meine Eltern anders gemacht hätten können… Sie waren engagiert, haben sie sich informiert und eben, es gab die Informationen die es mal gab.
    Ich hatte gute Eltern und trotztdem war mein Kindheit schwierig. Vergleich mit anderen, Unverständniss habe ich auch erlebt und auch noch einiges weniger nettes… Ich konnte mich vieles nicht erklären. Ausser dass ich so bin und eben so doof…

  4. Es gab keine Diagnose und meine Eltern hatten mich ehe als „etwa anders“ genommen, aber schon ok. Ich hätte gewünscht dass sie einigen meine Schwierigkeiten ernster genommen hätten… Ich hatte mich viel einsam gefühlt, konnte über einiges nicht richtig reden (Es lag auch an ADS, denke ich). Hätte auch gut gewesen dass sie mehr hinten micht stehen. Nachhinein ist mich klar dass sie die Auswirkung von einige Erreignissen sehr unterschätzt hatten und dass ich selber einiges gar nicht erzählt hatte… So hatten sie verpasst dass ich in der Schule traumatisiert war… Auch wenn ich sicher auch zu Hause einiges an Verhaltenveränderung gezeigt hatte. Dort waren sie sehr gut im wegschauen… Vielleicht weil es bei ihnen nicht viel besser ging?
    Ab und zu, in der Familie war ich auch geneckt wegen meine Art und so was hatte ich nicht gemag… Aber in der Schule war es ehe viel schlimmer.

    Ich weiss auch nicht ob es besser gewesen wäre dass meine Mutter früher über ihre Vermutung von POS mit mich geredet hätte… Vielleicht schon, etwa mit 20 Jahren hätte mich so was gut getan, da ich in mein Kopf nur Fragen hatte…

    Ja, wenn ich mich zurückerrinere, was schief gelaufen ist, errinere ich mich von allem auf meine Einsamkeit… Ich war sehr viel auf mich selber gestellt, wenig unterstützt (ausser rein schulisch, da waren meine Eltern schon dabei, aber emotional nicht sehr viel). Aber meine Mutter hatte auch gesagt dass sie emotional mit mich oft überfordert war… Sie konnte mich nicht wirklich die Verständnis geben die ich gebraucht hätte… Mein Vater noch weniger…

    Meine Eltern hätten etwa offener damit umgehen können und vor allem mich mehr verteidigt… Sie waren zwar tolerant, aber haben ehe die Sachen laufen gelassen…
    Anders war in diese Zeit leider sehr schwierig. Sie waren sehr engagiert, aber mehr als was es gab, gab es eben nicht…

    Im Bezug gerade auf meine Art zu sein, hatten sie vor allem der Spruch „Ja, so ist sie“ wenn jemand sich gewundert hatte… Manchmal hat mich genervt, wie wenn es ein Urteil wäre und nichts, gar nichts zu ändern wäre, dass ich es alles ausgeliefert bin, aber heute, sehe ich es als eigentlich gut, der Hilflosigkeit ausgenommen… Ich möchte auch sagen können „Ich bin so.“

    Ich versuche so gut wie möglich zu beantworten… Wenn du Fragen hast, her damit!

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