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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Zusammen kommen

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Nachdem die schönen Altbauten eines traditionellen Arbeiterviertels meiner Heimatstadt Anfang der 70er Jahre platt saniert wurden, landete ich als Jugendliche samt Familie in einem noch fast unerschlossenen Hochhausgebiet am Ar*** der Welt.
Bezahlbaren Wohnraum, in dem eine Großfamilie erwünscht war, fanden wir in den beliebten Gegenden unserer Stadt nicht.
Für uns bedeutete das: sehr langer Schulweg, Schwierigkeiten, sich mit Schulfreunden zu treffen, keine Einkaufsmöglichkeiten und ja: Vorurteile, wenn man sagte wo man wohnt.
Aber auch: Natur, Zusammenhalt und Freundschaften, Schulwechsel und Umorientierung, Selbstbewusstsein.

Ein Elternteil konfrontierte uns später 1 mal mit der Frage , ob wir nicht doch in so ein hübsches Reihenhäuschen am Rande des Neubauviertels umziehen wollten und hatte auch schon was Feines ausgesucht….. unser Protest hätte nicht größer sein können.
Wir hatten ‚ unser ‚ neues Viertel gefunden und wollten dort bleiben, was sollten wir in so einem ‚ Spießerhäuschen‘ ?
Zum Glück hatten wir Eltern, die sich nicht als alleinige Bestimmer sahen.

Meine Mutter lebt noch immer dort.
Sie möchte nicht weg.
Dort sind ihre langjährigen Nachbarn und Freunde, oft Eltern unserer Freunde, es gibt eine Infrastruktur, die Anbindung an den Rest der Welt per U-Bahn, Vereine und Kultur.

Sie nimmt aktiv teil am kulturellen Geschehen des Viertels.
Hat viele neue Freunde dort gefunden, manche deutlich jünger und selbst jetzt, schwer erkrankt, wird sie von eben diesen rührend umsorgt.
Wer auch immer behauptet, in diesen Stadtvierteln gäbe es nur Anonymität, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit hat, gelinde gesagt, keine Ahnung.

Da gibt es z.B. das Café Carré.
Ein Treffpunkt für Senior_innen.
Schachspiel, Tanz, Gymnastik, Musik, Literatur und mehr wird von überwiegend ehrenamtlich engagierten Menschen organisiert und durchgeführt.

Meiner Mum liegt das Literaturcafé am Herzen.
1 Mal im Monat wird ein deutscher Dichter vorgestellt.
Liebevoll werden Zitate des jeweiligen Dichters herausgesucht, auf Kärtchen zum Mitnehmen gedruckt, Texte gesichtet und ausgewählt.

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Ich war schon lange neugierig darauf , stellte mir aber im Prinzip so etwas wie eine Vorlesestunde von und für alte Leute vor.

Aktuell war Bertold Brecht angesagt.
Mit Skepsis ging ich hin, begeistert wieder weg.
Für 4 € Eintritt wurde ein wirklich schöner und anspruchsvoller Nachmittag geboten.

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Wein und Käse, absolut keine Altenheim-Atmosphäre.

Es wurde fundiert ein Überblick über Brechts Leben und seine Werke gegeben.

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Die Auswahl der Texte war repräsentativ für sein Schaffen und auch die politischen Dimensionen seiner Werke wurden nicht klein geredet.
Es war keine one-woman- show, sondern ein gutes Team arbeitete Hand in Hand, egal ob Küche, Deko, Musik, Lesung .

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Selbstgestrickt, nicht kommerziell

Das ist es, was unser Leben in diesem unfertigen
Stadtteil ausmachte: sollte etwas statt finden, so musste man es organisieren, sich mit anderen zusammentun, vllt. seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen usw.

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Es freut mich, dass davon noch etwas übrig ist.
Ebenso, wenn Gemeinden und Kommunen dieses Engagement durch Kulturzentren etc. erleichtern.
Was immer seltener wird….

Schon als Kind habe ich Gedichte geliebt und bis heute bewundere ich meine Oma, die uns oft und gerne frei aus dem Kopf heraus Balladen und Gedichte vortrug.

Nächstes Mal ist deine Lieblingsdichterin dran…., der spitze Unterton meiner Mum ist nicht zu überhören.
Schaurig – schöne Worte, oft unverständlich, die mich in ihren Bann zogen und mir eine Gänsehaut bescherten…..hat sie als Kind als nervtötend empfunden, und damit zieht sie mich bis heute auf.

Unruhe
Laß uns hier ein wenig ruhn am Strande.
Foibos Strahlen spielen auf dem Meere,
siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Ries’ge Schiffe ziehn zum fernen Lande?

Ach! Wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit,
Kein Gedanke mehr an Maß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen.

Unermeßlich, wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Grenzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt?
Wer seine Tiefe?
Wenn muthlos kehret
Des Senkbley’s Schwere
Im wilden Meere,
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest Du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! Ich möchte wie ein Vogel fliehen,
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen,
Weit, o weit, wo noch kein Fußtritt schallte.
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtge Bahn.

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frey,
O! das pocht, das glüht in meiner Brust.

Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit,
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Stille, stille, mein thörichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der der Unmöglichkeit hadernde Thränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick.
Dort stille, Herz, dein glühendheißes Beben
es giebt des Holden ja so viel im Leben,
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden,
Die ihn umnglühn, sie schwinden ungefühlt.
Sey ruhig, Herz und lerne dich bescheiden.
Giebt Foibos heller Strahl dir keine Freuden,
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Laß uns heim vom feuchten Strande kehren,
Hier zu weilen, Freund, es tut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder,
Aus der Ferne klingt’s wie Heimatlieder
Und die alte Unruh kehret wieder.
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren,
Wandrer, auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, das kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum.

Annette von Droste-Hülshoff , 1816 als 17jährige verfasst

Ich wollt, ich könnte hingehen.

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