leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Nicht dabei

9 Kommentare

Wisst ihr was?
Teilhabe reicht mir nicht.
Sie kann nur der Anfang sein.

Neulich erlebte ich ein mir seit meiner Kindheit bekanntes Gefühl wieder und habe es geschafft, es endlich, ebenso wie eine immer wieder von meiner Tochter seit ihrer frühen Kindheit wiederholte Äußerung, zu verstehen.

Aufgewachsen in einer nicht begüterten Familie, in der zudem neurologische Besonderheiten, die Wahrnehmung und Reizverarbeitung betreffend, nichts Besonderes sind, fühlte ich mich bis zur Schulzeit völlig dazugehörig und in der gesellschaftlichen Teilhabe nicht eingeschränkt. Es gab oft schwierige Zeiten in der Familie – aber das war unsere Normalität.
Zusammenhalt, Anerkennung, viel Musik und Spaß prägen meine Erinnerung.

In der Grundschule kam ich dann in Berührung mit ordentlichen Familien, in denen alles so war, wie auch im schulischen Lesebuch und anderen Büchern beschrieben. TV spielte noch keine große Rolle damals, aber als Leseratte hatte ich immer gedacht, das sind nur ausgedachte Geschichten mit Menschen, die ein ausgedachtes Zusammenleben haben, mit ausgedachten Problemen, jenseits der Realität.
Nun lernte ich sie also kennen: Familien, in denen jeder ein eigenes Zimmer hatte, in denen die Mutter nicht arbeiten ging, die in Urlaub fuhren und die nie stritten. In denen man lange beleidigt war. Konflikte nicht nach außen dringen durften.
Die Familie meiner besten Freundin hatte sogar Teppichboden in der ganzen Wohnung- das fand ich sehr beeindruckend und gleichzeitig unheimlich: alles dort war gedämpft, sogar die Schritte, die man machte. Aber so schön weich, WOW…

Auf der weiterführenden Schule ( nein, ins Gymnasium wollte ich nicht ) gab es noch mehr dieser sonderbaren Familien. Wir lasen noch mehr unrealistische Geschichten. Meine Klassenkameradinnen sprachen über Hanni und Nanni, Nesthäkchen ( meine Güte…. das Zeug hatte ich Jahre zuvor gelesen ) und ich las ‚Coming of age ‚ – Autobiographien z.B. von Anne Moody, einer afroamerikanischen Aktivistin der Bürgerrechtsbewegung, was meine Mitschülerinnen nicht so interessierte.
Alles, was ich über das ( bürgerliche) Normalo-Leben wusste, hatte ich aus Büchern.
Natürlich kamen darin spezielle Charaktere vor, aber die wurden dann irgendwie als schwierig, nicht ’normal‘ dargestellt.
In Schulaufsätzen gab ich das zum Besten, kassierte Lob für Geschwurbel, das ich für völlig plemmplemm hielt, denn schnell hatte ich ein taktisches Verhältnis zu den LehrerInnen und dem, wofür man gute Noten bekam, entwickelt.
Ich schrieb mit ‚ verstellter Stimme‘. (1)
Die Inhalte aber ließen mich kalt. Ich wurde bewertet mit Maßstäben, die nicht meine waren. Zog mich zurück und irgendwann ging ich nicht mehr hin in diese Veranstaltung, in der ich für das Leben lernen sollte und die so gar nichts mit mir und meinem Leben zu tun hatte.

Hauptschule. Fachlich einfach für mich, sozial anregend.
Emotional sicherer Boden, von dem aus ich meine Flügel wachsen lassen konnte und einen weiteren Ausflug in‘ s Normaloland unternehmen konnte.
Die Zeit dort hat mir Mut gemacht, mir zu holen, was mir zu steht.
Teilhabe…..

Die Oberstufe auf einer Gesamtschule und noch mehr die anschließende Studienzeit waren begleitet von einer inneren Distanz zum inhaltlichen und sozialen Treiben dort.
Ich wusste, dass ich nicht dazu gehörte. Dass ich mir etwas nahm, das andere für sich gepachtet hatten. Und bin bis heute stolz darauf.
Ich habe teil.

Mutterschaft, und alles fängt von vorne an.
Sehen, wie mein Kind in vergleichbarer Weise seinen Platz sucht.
Dafür kämpfen, dass es ihn formal bekommt.
Immer wieder erleben, dass Teilhabe nicht automatisch dort eingelöst ist, wo die unterschiedlichsten Menschen sich lediglich in einer Institution, einem Raum, einer Gruppe aufhalten.

Ich werde nicht gesehen…….

Stimmt mein Kind. Du hattest Recht. Es tut mir leid, dass ich das früher nur wörtlich genommen habe.

In der letzten Woche war Abschiedsfeier in deiner früheren Schule. Du warst nicht dabei und hast es gedauert. Auch mir versetzt es einen Stich ins Herz.
Wieder einmal musste ich dir sagen, dass es ohnehin nur eine Veranstaltung für die gewesen ist, die schon immer gesehen wurden.
Du wärest empört darüber gewesen, wenn schöne Worte in den Abschiedsreden à la ‚ es gab auch mal Probleme, aber die haben wir gemeistert‘ das Leid und die noch immer nicht verheilten Wunden derer, die am Rande der Klassengemeinschaft standen, übertünchten.
Wenn so getan wird, als sei alles im Großen und Ganzen gut gewesen und jede/r hätte einen guten Platz in der Gemeinschaft gehabt.

Eigentlich solltest du eingeladen werden. Fehlanzeige.
Und eigentlich wolltest du nur hin, um wenigstens jetzt, zum Schluss wahrgenommen zu werden. Um zu zeigen, wie du deinen Weg gehst, Raum einnimmst, dich entfaltet hast, sichtbar gemacht hast.
Aber bis dahin musst du noch Geduld haben – in einigen Jahren erst wird für Menschen, die jetzt noch denken ‚ ach, die funktioniert nicht richtig‘ deutlich werden, dass auch ein anderer Weg als der ihre zum guten Leben führen kann.
Deine Zeit wird kommen….

Einzelne, Familien mit einem behinderten oder Neuro-atypischen Familienmitglied, mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, aus armen Verhältnissen Kommende und alle anderen, die nicht aus dem bürgerlichen bzw. vermeintlichen Normalo – Bilderbuch entsprungen sind – für die meisten Menschen sind wir noch immer unsichtbar, selbst wenn wir mitten unter ihnen sind.
Immerhin, in Literatur und Film gibt es zarte Pflänzchen des Wahrgenommen werdens.
Und nicht zu vergessen die vielen Blogs Betroffener, in denen jeder, der sich schlau machen möchte, dies auch tun kann.

Teilhabe ist so viel mehr als dabei sein dürfen.

Anerkennung und Aufgreifen der unterschiedlichen Erfahrungs- und Erlebenswelten aller Menschen. Wird Zeit, dass wir wirklich gesehen werden, und zwar im Alltag.
Im Schulunterricht, den Schulbüchern, an der Uni, in der Arbeitswelt, in Vereinen und der Politik.
Wie weit sind wir davon noch entfernt?

Unsere Diskussionen um Inklusion empfinde ich manchmal als pipifax, auch wenn sie wichtig sind.
Ein paar weitergehende Gedanken als gewohnt hat sich Christian Schneider in seinem Blog jawl.net gemacht.
Lesenswert.

(1) eine Technik, die ich noch heute mit Erfolg gelegentlich im Berufsleben praktiziere 😉

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9 Kommentare zu “Nicht dabei

  1. Zitat: „Eigentlich solltest du eingeladen werden. Fehlanzeige.
    Und eigentlich wolltest du nur hin, um wenigstens jetzt, zum Schluss wahrgenommen zu werden. Um zu zeigen, wie du deinen Weg gehst, Raum einnimmst, dich entfaltet hast, sichtbar gemacht hast.
    Aber bis dahin musst du noch Geduld haben – in einigen Jahren erst wird für Menschen, die jetzt noch denken ‘ ach, die funktioniert nicht richtig’ deutlich werden, dass auch ein anderer Weg als der ihre zum guten Leben führen kann.
    Deine Zeit wird kommen….“

    Ich wünsche Deiner Tochter, dass es auch für die Augen derer unter beweis stellt, die anscheinen blind sind.
    Für Dich hat Sie es schon ganz lange. Ich wünsche Euch, dass Ihr nicht den Mut verliert!

    Danke für den Link. Ein klasse Text!

  2. Ein sehr beeindruckender Text, vieles kommt mir bekannt vor.

  3. Ein sehr weiser Mann, Nelson Mandela, hat gesagt es komme nicht darauf an was wir hätten, im Sinne von Besitz, Beruf, etc, sondern was wir aus dem uns möglichen Erreicht hätten.
    Da können wir echt stolz auf uns sein, denn wir brauchten viel mehr um uns unsere Position zu erarbeiten und auch unsere noch suchenden Kinder werden ihren Platz noch finden. Davon bin ich felsenfest überzeugt.
    Sie brauchen einfach etwas mehr Zeit!

  4. Ich werde nicht gesehen…….

    Diese Satz hätte auch von mich sein können… Dahinten steckt viel… Sich anpassen, aber sich dafür verstecken müssen. So war es für mich. Jetzt weiss ich, es gibt Orten wo ich mich nicht verstecken muss. Einmal werde ich das Verstecken, um mich zu schützen nicht mehr brauchen.

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