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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt

Vorsicht: Komfort!?

3 Kommentare

In unserer vom Neoliberalismus geprägten Gesellschaft  gibt es viele vermeintlich gute Wege, um  zu einem erfolgreichen und glücklichen Leben zu kommen.
Muss man sich natürlich selbst drum kümmern.

Einer dieser golden Wege lautet: raus aus der Komfortzone.
Beschworen wird dieser Weg ebenso von  Pädagogen, Psychologen, Ärzten als auch von Karriereberatern und Motivationstrainern jeglicher Art.

Lehrer fordern das von angeblich faulen Schülern, Eltern von ihren  orientierungslosen jung-erwachsenen Kindern und sicherlich oft auch der sich als Aktivere verstehende Part einer Beziehung vom Gegenüber.

Das Verständnis unseres sozialen Netzes ist mittlerweile durch und durch von dieser Idee durchdrungen: Erwerbslose müssen sich nur endlich mal bewegen, ihre Komfortzone verlassen, dann klappt das schon mit dem neuen Job.
Schulabgänger ohne Ausbildung sollen aberwitzige Maßnahmen hinnehmen, Hauptsache runter vom Sofa.
Auch von Kranken wird das erwartet. Wenn der sein Leben nur entsprechend umstellt, dann wird das schon.

Einigkeit besteht darin: Entwicklung kann nicht innerhalb der Komfortzone statt finden, man muss sich hinaus begeben. Wer das nicht tut, will auch nichts verändern.

Die Sache mit den Bedürfnissen

Mir ist nicht bekannt, dass die Maslowsche Bedürfnispyramide grundsätzlich in Frage gestellt wird.

maslowsche-bedurfnispyramide-vollstaendig

Ich wage mal die These, dass nur, wenn die Bedürfnisse einigermaßen gut befriedigt werden können, sich so etwas wie eine Komfortzone überhaupt  bilden kann.

Wo also ist die Komfortzone von mittellosen Menschen?
Wo die von Menschen ohne berufliche Perspektive?
Wo die von alleinstehenden Kranken und Menschen mit Behinderung?
Wo die von Kindern mit Schullangst, Studenten mit Depression?

Hotel Mama

In einem Gespräch über die augenblicklich stagnierenden Situation hinsichtlich der Abnabelung von Teenie und mir  musste ich mir anhören, dass Teenie endlich mal aus ihrer Komfortzone raus müsste ( sprich, nicht nur davon zu träumen, wie andere junge Erwachse den Schritt  aus dem Elternhaus zu gehen, sondern sich endlich auch mal anständig drum zu kümmern).

Wenngleich in diesem Moment meine innere Alarm-Lampe ansprang, hielt ich doch inne: stimmt es vielleicht, helfe ich zu viel, kriegt sie einfach den Hintern nicht hoch?
Nach dem berühmten sacken-lassen suchte ich erneut das Gespräch und wie vermutet relativierte mein Gegenüber seine Aussage. Auf konkrete Nachfrage, wo ich denn vielleicht Komfortzonen für Teenie einrichten würde…..kamen eigentlich nur Beispiele, die mich erstaunen und dann auch wieder nicht.

So haben wir hier z.B. sehr pragmatische Lösungen, was die Lagerung von Lebensmitteln und die Benutzung von Geschirr betrifft. Teenie ist da etwas eigen. Ein eigener kleiner Küchenschrank und ein eigenes Fach im Kühlschrank bewahren alle Seiten vor unnötigem Stress. Komfortzone?

Wenn Teenie wegen zu viel Lärmverschmutzung im Alltag nicht mehr für sich einkaufen gehen kann, erledige ich das mit. Komfortzone?

Teenie bleibt wegen Overload 2 Tage im Bett. Komfortzone?

Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl von Gewohnheiten, Ritualen, Autismus- bedingten Notwendigkeiten, die Teenie das Leben erleichtern. Alles Komfortzonen?

Man stelle sich einen körperbehinderten Menschen vor. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Beinprothese oder einen Rollstuhl als  Komfortzone zu bezeichnen.
Noch weniger, von ihm erwarten, dass er darauf verzichtet.

Bullshit

„Das Leben beginnt da, wo die Komfortzone aufhört“…diesen und noch viel mehr bullshit versuchen uns neoliberale Kräfte immer wieder schmackhaft zu machen. Wir treffen sie in allen Institutionen, hartnäckig wird das Mantra vom „Jeder ist seines Glückes Schmied“ in vielfältigen Tonarten gesungen.

Die Realität aber ist: immer mehr Menschen  haben Schwierigkeiten, selbst die elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen. Sie sind weit entfernt von persönlichen Komfortzonen. Sie strampeln sich ab, um überhaupt erst mal in eine überlebenssichernde Zone zu kommen: die einen schreiben 100 erfolglose Bewerbungen, andere hangeln sich von einer prekären Beschäftigung zur nächsten, weitere kämpfen um Teilhabe für Behinderte Menschen und etliche schaffen nichts davon und resignieren. Ein paar Zahlen zur Einkommensungleichheit: hier

Komfort ist bekanntlich etwas, ohne das man auch auskommen kann, ohne existentiell gefährdet zu werden.
Bevor man also das Argument mit der Komfortzone bemüht ( ja, es kann ja stimmen, wenn denn Komfort vorhanden ist), ist man gut beraten, erst einmal zu prüfen, ob hier nicht grundlegende Barrieren  vorhanden sind, die ein eigenes Handeln unmöglich und Unterstützung erforderlich machen. Und worauf diese basieren.
Alles andere ist zynisch, egal ob in Unwissenheit oder aus Gemeinheit daher gesagt.

Barrieren, die Handeln erschweren, können sogar unsichtbar sein.
Aber  wenn man genau hin schaut oder sich informiert ( über ADHS/Autismus z.B.), kann man sie finden/erkennen.

Wenn ein Dritter die Last der Unterstützung trägt, sei es als Angehöriger oder als Institution, mindert das nur den Mangel, den man selbst nicht beheben kann,
erwächst daraus keine Komfortzone.
Wird die Last für den anderen zu schwer, und will man daran etwas ändern, ist das ein anderes Thema.

Ich freue mich über Feedback. Wie immer ohne Registrierung möglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu “Vorsicht: Komfort!?

  1. Sehr schön ge/beschrieben.
    Wenn ich die Zahlen der Krankenkasse deute gibt es einen Rückgang bei kurzzeitigen Erkrankungen und einen jährlichen Anstieg von 15% bei Langzeiterkrankungen.
    Mein Fazit: Viele gehen krank zur Arbeit, nehmen lieber Antibiotika etc., irgendwann sagt aber der Körper Stop und dann ist die Depression, der Burn Out da.
    Seit Jahren werden 1 % immer reicher und der Druck auf den Rest immer größer.
    Matramäßig wird gesagt es geht uns gut und ja wir müssen raus aus der Kompfortzone, nur blöd wenn man gar keine mehr hat, wie du ja auch beschreibst.
    Ich denke die 1 % dürfen mal raus aus ihrer Milliarden schweren Zone.

  2. Pingback: Vernetzt im Februar 2017 | Mama hat jetzt keine Zeit…

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