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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


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Augenwischerei*

Ob bei Teamentwicklungen, Weiterbildungsmaßnahmen,  Mutter-Kind-Kuren,  beruflichen Reha-Maßnahmen oder Therapien- überall kann einem die Aufforderung begegnen: schreiben sie einen Brief an sich selbst. Das kann zu Beginn der Veranstaltung sein oder aber erst am Ende. Wichtig ist, dass der Brief einen erst zum gesetzten Zieldatum ( Prüfung, Ende der Maßnahme, einige Zeit wieder im häuslichen Alltag etc.) erreicht.

Die Aufgabe

Schreiben sie ihre Ziele auf.
Was wollen Sie am Tag X erreicht haben?
Was wollen Sie verändern?

Meist hat man ca. 1 Stunde Zeit dafür. Das ist nicht viel, wenn man ein herausforderndes Ziel hat und außerdem sind wir ja auch ungeübt, nur für uns selbst unsere Ziele zu benennen. Also denkt man nach und schreibt dann was. Meist so eine Mischung aus offiziellem Ziel der Veranstaltung ( Abschluss schaffen,  im Fach x verbessern, gelassener sein, sich für sich selbst Zeit nehmen, Sport anfangen, gesund ernähren, vor  Gruppen sprechen können, weniger Überstunden machen, mal NEIN sagen im Job usw.) und dem, was man sich wirklich wünscht und so zutraut. Schulkinder jüngeren Datums und deren Eltern kennen diese Mogelei schon von den Ziel-und Lernvereinbarungen, die sie jährlich treffen müssen. hier
Arbeitnehmer*innen evtl.. von jährlichen Beurteilungsgesprächen.

Stunde der Wahrheit

Irgendwann kommt dann der Moment, an dem man den Brief in der Hand hält und ihn öffnen sollte. Fein raus ist, wer alles geschafft hat. Ein Grund zur Freude und man kann stolz auf sich sein obwohl man das ja sowieso schon ist. Aber hier kommt noch mal die schriftliche Bestätigung von sich selbst.

Aber was, wenn nicht?
Wer durch die Prüfung gefallen ist oder eine Maßnahme abbrechen musste, findet es vielleicht nicht so toll, seine eigenen Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen noch einmal von sich selbst unter die Nase gerieben zu bekommen. Weiß man doch alles. Fühlt man doch.

Problematisch besonders, dass nach therapeutischen oder Reha-Maßnahmen/Kuren  der Brief den Absender erst erreicht, wenn dieser von der Einrichtung selbst nicht mehr aufgefangen werden kann. Mitten im Alltag, der sowieso nicht klappt, obwohl man doch so viel verändern wollte. Mit dem selbst formulierten Schlamassel steht man nun allein da. Auch wenn er wohlwollend formuliert ist, entsprechend Aufgabenstellung.

Was soll man also damit tun? Nicht öffnen? So ein Brief kann einen auch in geschlossenem Zustand immer wieder „Loser, loser “ zurufen.

Zu kurz gefragt

Sein Ziel konkret vor Augen zu haben, ist an sich eine gute Sache. Das eigene Ziel. Nicht allgemeine Erwartungen. Es zu formulieren, kann helfen.
Das allein greift aber zu kurz.
Wir leben nicht in einer Glasglocke, unsere Rahmenbedingungen unterstützen oder verhindern Veränderung.

Was brauchst du?

Hilfreich wäre, die Frage zu stellen: was brauchst du, um dein jeweiliges Teilziel zu erreichen?
Kollege*innen, die nicht auf dir rumhacken, wenn du weniger Überstunden machst, eine Anpassung des Arbeitsvolumens, regelmäßigen Unterricht, Lehrer*innen, die gut erklären können, ein ruhiges Lernumfeld, jemanden, der dich stärkenorientiert unterstützt, eine Familie, die respektiert, dass du mal allein sein willst, Entlastung von der Pflegeverantwortung, finanzielle Hilfe?

Individualisierung

Wird diese Frage nicht gestellt, wird allein auf die persönliche Veränderungsebene abgestellt, werden sowohl der Erfolg als auch der Misserfolg ausschließlich individualisiert.
Das ist leider die heutige allgemeine Sichtweise auf Menschen.

Wir sollten uns diese nicht zu eigen machen.
Nicht, um die Ursache des Misserfolges nur bei anderen zu suchen.
Es geht doch um eine möglichst objektive Einschätzung des Ergebnisses. Wer jemals eine (sinnvolle und gut durchdachte) Evaluation gemacht hat weiß, dass einseitige Fliegenbeinzählerei allein nicht reicht, um zu einer Einschätzung zu kommen, die weiterführend ist.

Stellt man eine solche Aufgabe, so ist es das Mindeste, dass man sich auch dem Ergebnis stellt. Das Misslingen liegt nicht immer nur an den Teilnehmer*innen/Client*innen/Patient*innen.

Tut man es nicht, wird hier nur Schuldzuweisung betrieben.

Was tun?

Kurzfristig wird man diese unglückselige Mode wohl nicht abschaffen können. Also kann es sein, dass man irgendwann so ein nettes Briefchen an sich selbst zu schreiben hat. Wenn du aus der Nummer nicht raus kommst, mach das Beste daraus.
Das ist aus meiner Sicht:

  • Schreibe auch für jedes Teilziel auf, welche Unterstützung oder Rahmenbedingungen du brauchst, um es zu erreichen. Ehrlich. Da es dein ganz persönliches Ziel ist, du einzigartig bist, kann für dich hilfreich sein, was für andere fatal ist.
  • Wenn die Zeit dafür zu kurz ist, bitte um Zeit-Verlängerung ( z.B. zu Hause/ auf dem Zimmer  fertig schreiben).
  • Bekommst du diese nicht, male dir ein schönes Bild, mach Krickelkrakel, tu so als ob.

Aber diskutiere nicht über die Sinnhaftigkeit dieses Briefes mit denen, die ihn als ganz tolle Hilfe ansehen!

Und falls du gerade einen Brief der Hiebe erwartest, erhalten oder herumliegen hast, also nicht zu den Glücklichen gehörst, die alles geschafft haben: lass das Ding ungeöffnet liegen, wenn es dich quält. Verstau es dort, wo du wahrscheinlich erst in ein paar Jahren zufällig drauf stoßen wirst.
Womöglich sagst dann zu diesem kleinkarierten Tun nur  „paaahhhhh…..“.

  • vormals Titel  „Bilanzbetrug“

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Ein Kommentar

Hochfunktional ist ein Ar***loch

hochinteressant, hochbegabt, hochmotiviert,  hochgelobt, hochverehrt, hochbeliebt, hochbegehrt, hochbezahlt, hochberühmt, hochklassig, hochqualifiziert…

Hochfunktional.
Maske auf, Tür auf, Alltag an. Hinausspaziert in das Lebern unter NT´s/Stinos. Nowbody knows. Geräusche gedämmt mit Musik. Geliebte Knöpfe in den Ohren. Sieht wie eine allgemeine Mode aus ist aber ein willkommener Schutz vor dem Geräuschdurcheinander.

Lieber zu Fuß oder mit dem Rad, diese vielen Menschen in  Bus oder Bahn.
Auf der Arbeit Hallo hier und Hallo da. Lieber gleich anfangen…. Konzentration auf die Aufgabe, Pausen nerven. Durchziehen, was schaffen, wieder weg . Oder bleiben und weiter arbeiten… Gut gemacht.
Überstanden, nun noch den Einkauf. Knöpfe rein in die Ohren, geliebter Sound statt Lärm.

Ankommen in Sicherland. Hinlegen. Ausatmen. Endlich essen. Geschafft, erschöpft.
Warten auf den nächsten Tag. Alleine. Mal mit den geliebten Gewohnheiten, mal ohne. Da fehlt was. Das unverstellte Sein-dürfen inmitten von Menschen. Müssen ja nicht viele sein, nicht permanent. Wie geht das?
Sichtbar nun die Seite, die keiner sehen will.
Die nicht gezeigt wird, bei Menschen, die bewerten.

Hochleistung, Hochkultur, Hochverarschung.

Keine sozialpädagogische Unterstützung mehr, läuft ja alles prima.
Die Fantasie im Amt : hochbegrenzt.
Sieht doch alles toll aus. Seien sie stolz auf ihr Kind. Und auf auf sich.

Verflixte Sch****, wie denn, wenn dabei nur heraus kommt, dass gebrauchte Unterstützung versagt wird?
Wenn wieder nur bleibt: die kleinen Inseln im Alltag suchen, die einen Moment Entlastung bringen, und sei er noch so klein.

 

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Anders

Mein Vater gibt sich Mühe. Meine Mutter nennt mich weiter Felix. Sie erträgt es schlecht, wenn Dinge sich ändern. Man muss dafür Verständnis haben, oder?

Anders‚  von Andreas Steinhöfel – eine Buchbesprechung

Felix ist ein eher unscheinbarer, gut behüteter 10jähriger Junge.

Bis er einen Unfall hat, der ihm eine Kopfverletzung,  eine Zeit im Koma und  eine partielle Amnesie beschert. Zwar beherrscht er noch immer unsere Kulturtechniken, aber an die Menschen aus der Zeit vor dem Unfall kann er sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an sich selbst.

Nicht nur er muss seine Eltern und Freunde neu kennenlernen, sondern auch umgekehrt. Felix benimmt sich völlig anders, hat andere Vorlieben, Stärken und vor allem: er nimmt die Welt auf eine besondere Weise war und verhält sich entsprechend.
So ist es nur konsequent von ihm, dass er nicht mehr Felix heißen möchte.
Anders, diesen Namen hat er sich ausgesucht, denn so fühlt er sich auch.

Die Mutter, gewohnt, ihrem Sohn den Alltag vorzugeben, zu bestimmen was wichtig ist und was nicht und damit seine Entwicklung akribisch zu lenken, sieht sich nun mit der Unmöglichkeit der Fortsetzung ihres Konzeptes konfrontiert.
Aus dem formbaren Sohnemann ist ein eigenwilliger Mensch, der seinen Weg auf seine Weise geht, geworden.
Plötzlich ist sie eine Mutter, dessen Kind nicht mehr funktioniert, wie es in ihrem sozialen Umfeld sonst üblich ist. Kein Kind zum Vorzeigen.

Nicht ganz so schwer tut sich der Vater.
Auch er nimmt sich vor, seinen Sohn neu kennen zu lernen. Und merkt, dass er ihn auch vorher nicht besonders gut kannte. Er schafft es, sein verändertes Kind anzunehmen, vielleicht sogar mehr als das Kind vor dem Unfall.
Konflikte zwischen den Eltern sind vorprogrammiert.

Bleibt noch die Sicht der Kinder, denn  Anders/Felix  hat Freunde, geht zur Schule und wie es sich für ein Jugendbuch gehört, liegt der Focus der Geschichte nicht bei den Befindlichkeiten der Eltern sondern dem Treiben der Kinder in Form einer spannenden Geschichte. Denn eigentlich ist es aus deren Sicht gar nicht so wünschenswert, wenn Anders sich an früher erinnert….

Gekauft habe ich Andreas Steinhöfels Buch ‚Anders‘ nicht für mich, sondern für Teenie. Nach ein paar Seiten hab ich es nicht mehr her gegeben.
Mir gefiel, wie Anders Eigenheiten die Mutter mit ihrem Perfektionismus ausbremste.
Der Wandel von Felix zu Anders eröffnet dem Vater hingegen eine Beziehung zu seinem Kind, wie er sie vorher nicht haben konnte und setzt zudem einen ganz persönlichen Emanzipationsprozess bei ihm in Gang.

Im Vergleich zwischen Felix und Anders schnitt Letzterer mit seiner inneren Autonomie gesellschaftlichen Normen gegenüber deutlich besser auf meiner Sympathie-Skala ab.
Sicher auch, weil ich in Anders neuer Sensibilität, Reizoffenheit und ungewöhnlichen Fähigkeiten häufig mein eigenes Kind wieder erkannte.

Ohne sich medizinischer Diagnosen zu bedienen, beschreibt Steinhöfel ein Kind, für das unsere Gesellschaft die Schubladen des DSM 5 bereit hält.
Er beschreibt es mit Sicht auf seine Stärken. Wie schon bei den Büchern über Rico und Oscar, schafft er es, stigmatisierende Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen wie z.B. ADHS, Autismus, Synästhesie als ganz gewöhnlich und überhaupt nicht bedrohlich darzustellen.

Steinhöfels neues Buch geht über die Beschreibung der Welt der Kinder weit hinaus. Es zeigt auch auf, in welchen gesellschaftlichen Mustern die Erwachsenen verhangen sind. Wie sie den Schein der perfekten Familie wahren. In der Leistungsgesellschaft dabei sein wollen. Ihren Kindern um den Preis der Kindheit versuchen, einen guten Platz darin zu verschaffen. Zur Reflexion ihres Tuns nicht in der Lage sind.

Sie holt mich immer ab. Überall…..Man ist dauernd überwacht. Man kann nichts alleine machen. Mein ganzes Leben ist ein Scheiß-Überwachungsstaat. (S. 116)

Sich selber, auch wenn sie spüren, dass das alles nicht gut und richtig ist, dennoch den Gepflogenheiten und deren Hütern unterordnen.

Einen Menschen wie Anders brauchen, um endlich zu sehen, was falsch läuft in ihrem Leben.
Aber auch, dass ein Wandel dieser gesellschaftlichen Werte nebst Veränderung der Lebensgewohnheiten derzeit den Preis des Nicht-Mehr-Dazu-Gehörens hat.

Weitere Protagonisten wie eine Nachbarin, ein ex-Nachhilfelehrer, das pädagogische Personal und die Kinder nebst ihren Eltern in der Schule verdeutlich die möglichen Reaktionen auf Menschen wie Anders: Abgrenzung, Angst, Bewunderung, Respekt, Verunsicherung.

Ich bin gespannt, was Teenie zu dieser Geschichte sagt.

Ihre erste Ablehnung gegen das Buch ( lass mich mit dem anders-Scheiß in Ruhe, ich bin Teenie, mich interessiert das nicht, nicht ich hab Probleme sondern der Rest der Welt ) ist der Neugier gewichen, schließlich geht es um ihr bekannte Wahrnehmungsweisen und es ist von einem ihrer Lieblingsautoren.

Außerdem reizt sie der Diskurs darüber mit mir.
Ein willkommener Anlass, wieder einmal über unser Zusammenleben und die uns leitenden Werte zu reden. Ich bekomme da manchmal mein Fett ab… aber dennoch:
Ich freu mich drauf.

Mit Anhieb schafft dieses Buch den highscore auf meiner Lieblingsbuch-Liste.
Steinhöfel ist ein tolles, unaufdringliches Plädoyer für Inklusion gelungen.

Unbegingt lesenswert.

Leise Zweifel bleiben lediglich bei der Altersangabe des Verlages. Für 12jährige scheint es mir noch etwas früh.

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Nächstenliebe und Beweislast

Die christliche Wertegemeinschaft wird aktuell viel gelobt.
Ich habe davon das Übliche abbekommen: Weihnachten in die Kirche,
Kinderstunde, ab und an Kindergottesdienst, in dem diese netten Suchbilder verteilt wurden.
Religionsunterricht in der Grundschule war wirklich schön: eine liebe Lehrerin, die schöne Geschichten vorgelesen hat und hinterher wurde gemalt und geredet.
Da war oft von Jesus die Rede, der kranken Menschen geholfen oder sein Essen geteilt hat, einfach so.

Mit uns lebte meine Großmutter, eine zur Protestantin konvertierte Katholikin, der die Kirche übel mitgespielt hatte. Ihre allseits bekannte Meinung: ‚hilf dir selbst, dann hilft dir Gott‘ wurde hier schon öfter erwähnt. Dass sie Protestantin wurde, lag wohl hauptsächlich daran, dass es damals üblich war, in einem Kirchenverein zu sein und sie vom Süden in den Norden kam.
Sie war ein eher knurriger Mensch, aber großzügig und hilfsbereit ohne lange Diskussion.

Meine beste Freundin war das einzige katholische Kind in der Strasse. Ihre Mutter war Krankenschwester in einem konfessionellen Krankenhaus. Leider zog die Familie einfach weg. Vieles war dort anders als bei uns. Sie waren wirklich religiös. Aber oft fand ich dort Zuflucht vor meiner turbolenten Großfamilie und fühlte mich dort wohl.
Niemals musste ich beweisen, dass ich eine kleine Auszeit brauchte.

Unsere Straße hatte auch ein ‚Judenhaus.‘
Dort lebte eine jüdische Familie eher abgeschieden. Ein Opa, der im Holocaust seine ganze Familie verloren hatte, schimpfend durch die Strassen ging und uns unheimlich war. Ein Vater, der als Halodri verschrien war.
Und Cyrillerle (ausgesprochen CHillerle)‘, der uns Hawa Nagila beibrachte und der hübscheste und netteste Junge unserer Kinderbande war. Seine Mutter lies sich selten blicken, war aber immer sehr nett und verständnisvoll, wenn ich mich zu Besuch dort hin schlich.

Bis heute weiß ich übrigens nicht, weshalb das Haus so hieß. Der Mantel des Schweigens lag über ihm – aber dazu demnächst mehr in gesondertem blogpost.

Mein Teenie kam am besten in einem Geigenorchester klar, in dem überwiegend türkische Kinder ( eigentlich Deutsche, denn sie waren alle hier geboren) spielten. Eine gemeinsame Reise in die Türkei, um mit dem dortigen Kinderorchester zu lernen und aufzutreten, war ein absolutes Highlight in ihrem Leben.
Ihre Disposition war kein Problem.
Auch Moslems haben Geschichten übers uneigennützige Helfen.

Aber hier, in dieser so aufgeklärten Wertegemeinschaft, müssen die Hilfebedürftigen beweisen, dass sie Hilfe brauchen. Dazu reicht nicht die offensichtliche Unmöglichkeit der Teilhabe.
Scheitern allein ist nicht genug.
Es muss klar medizinisch definierbar sein und damit ohne eigene Schuld.
Gleiches gilt für arme Menschen: beweise, dass du nichts dazu kannst.

Um eins klarzustellen: eine Plausibiltitätsprüfung finde ich o.k. und zumutbar.
Alles, was darüber hinaus geht ist demütigend, demotivierend und sogar zutiefst undemokratisch.
Jesus – falls es ihn gab- dagegen muss in seinen Handlungen geradezu demokratisch gewesen sein, sieht man mal von seinem Gottgehabe ab.

Reichtum ist KEIN Menschenrecht.
Unsere Verfassung GEBIETET den Sozialstaat.

Und falls jetzt wieder jemand denkt: da könnte ja jeder kommen, dem antworte ich schon jetzt: ja, natürlich.
Ein Staat, der es sich leisten kann Milliardengeschenke an Milliardäre durch Steuergesetzgebung und Co zu machen, wird das ja ja wohl hinkriegen.

Anm.: Der Kirche das Wort reden will ich nicht. Ich  befürworte Religionsfreiheit, gehöre keinem dieser Vereine an und finde es unmöglich, dass ich mit meinen Steuern diese mitfinanziere. Klare und konsequente Trennung von Staat und Kirche – zu meinem Bedauern ist D kein laizistischer Staat.

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Mantra

Mir ist egal, welchen Beruf mein Kind wählt, Hauptsache, es wird damit glücklich.

Das haben doch die meisten Eltern schon mal von sich geben, oder?

Noch im Halbschlaf sage ich mir immer wieder diesen einen Satz, von dem auch ich überzeugt bin, in Gedanken vor.
Denn heute nehme ein weiteres Stück Abschied vom Wunschtraum, dieser glücklich machende Beruf  werde gleichzeitig einer sein, der gesellschaftlich hoch anerkannt ist und gut bezahlt wird.
Ich nehme auch Abschied von meinem jahrelang verfolgten Ziel, mein Kind möge soviel Normalität wie möglich und lediglich so wenig Spezialität wie nötig erleben.
Das schmerzt und ich werde das Gefühl der Unzulänglichkeit nicht los.
Wir fahren in eine kleine Stadt nicht weit von unserer Großen, um
ein Berufsbildungswerk zu besichtigen. Überbetriebliche Ausbildungen für Menschen mit Behinderungen werden dort angeboten. (1)
Ich habe Vorbehalte.
Ist es das Richtige?
Wird mein fast erwachsener Teenie dort genug Anregungen für ein ‚ normales ‚ und eigenständiges Leben bekommen?
Meine eigenen Gedanken befremden mich. Die anderen jungen Erwachsenen dort können doch ebenso wunderbare und vielseitige Menschen sein wie sie!
Und mal ehrlich: wie viele Anregungen habe ich bereits nur allein von Teenie gerade wegen ihrer Besonderheit bekommen?

Das Gegenteil von Inklusion

Es fällt mir schwer JA zu dieser Sonderwelt zu sagen. In meiner Vorstellung ist es möglich und wünschenswert, mit Menschen mit Beeinträchtigungen in unserer Mitte zu leben und zu arbeiten. Letzteres gesondert zu erwähnen ist wohl notwendig in unserer verdrehten Welt, die in Hierarchien wie Dritte Welt, zweiter Arbeitsmarkt, Geberländer, Leistungsträger u.v.m. denkt. 

An diesem Tag heute muss ich akzeptieren, dass die Realität für mein Kind nur eine  Berufsausbildung ‚ auf dem Mars ‚ vorsieht.
Das ist bitter. 

Das Glück der Erde…

Ich sehe, wie Teenie neugierig und zielstrebig den ersten Kontakt vor Ort aufnimmt. Bin erstaunt über ihre klaren Vorstellung, erfreut über ihre Unvoreingenommenheit. Hier kann sie sogar ihren Traumberuf erlernen.
Sie sieht zugleich die Chance den nächsten, ihr angemessenen Schritt zu machen. 
Den Heimatort verlassen. 
In Gemeinschaft mit jungen Leuten leben. 
Ihr Blick zu mir : ich hab‘ dir doch schon immer gesagt, ich will was mit Pferden machen.
Ich krieg das alles hin, mach dir keine Sorgen.

Diese Treppe hatte ich schon oft vor der Linse. Meine liebe Leserin Anita schrieb dazu sinngemäß: “ wer weiß, wo diese Stufen unsere Kinder hinführen“ . Ich mag diese Treppe.  Blickt man hinauf, sieht man in den Himmel. Der Blick hinab weist auf das weite Meer…

Am nächsten Morgen steht ihre Entscheidung noch immer.
Ich aber denke daran, was es heißt, einen Beruf im
Niedriglohnsektor zu ergreifen.
Weise Teenie auf die nicht berauschenden Verdienstmöglichkeiten in dieser Branche hin. ( 2 )

Hey Mum, ich schreibe doch erst das Vorwort des Buches meines Lebens, bleib mal cool.

Ach, auch eine Löwenmutter hat zu weil ein Hasenherz.

Aber während ich das alles so denke und schreibe, wetze ich bereits meine Krallen für das kommende Match mit der Bundesagentur für Arbeit…..

(1) wer jetzt denkt, Teenie hätte einen offiziellen Behinderten-Status, irrt.
Die BA hat jetzt lediglich gemerkt, dass es Grenzen dabei gibt, Menschen mit einer ‚Sonderformatierung‘ die gängige ‚Standardsoftware‘ aufzuzwingen.
(2) für mich behalte ich, welche Auswirkungen das auf mich hat: arbeiten, bis es nicht mehr geht..

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Kannitverstaan

Mitten in der Nacht mit der S-Bahn unterwegs und ich finde mich zwischen überwiegend jungen Menschen wieder.
Gestern hatte ich Gesellschaft von jungen Lehrer*innen / Lehramtsstudenten , die sich mittels Facebook über wirklich dumme und schreckliche Schüler*innen austauschten.
Da antworten doch Schüler auf die Frage“ was hast du nicht verstanden?“ mit “ alles.“
Also wirklich. Die müssen richtig dumm sein oder trotzig, faul…..

Mir geht das Schülerbashing schon eine Weile auf den Geist und ich kann meinen Mund nicht mehr halten.

Ich: mir ist das auch immer so gegangen und nun bin ich eine Studierte. Diese Antwort deutet nicht auf Dummheit hin. Es stimmt oft und es geht vielen Schüler*innen so.

Er: aber er muss doch wenigstens einen Punkt bestimmen können, von dem an es nicht weiter ging.

Ich: nicht zwingend. Wenn er das könnte, würde er vielleicht selbst den Weg zur Lösung finden.

Es geht noch eine Weile hin- und her.
Der junge Mathelehrer, wie ich nun weiß, hält 80% der Lehrer für unfähig, aber so eine Antwort des Schülers sei provokativ und zeuge von einer Null-Bock-Haltung.
Noch einmal versuche ich es. Es sei doch die Aufgabe des Lehrers, herauszufinden, an welchem Punkt der Schüler ‚ ausgestiegen ‚ ist und da zu unterstützen.
Das sieht der junge Mann ganz und gar nicht so.
Schüler*innen müssten aufpassen und qualifizierte Fragen stellen, mit denen der Lehrer etwas anfangen könne.

Bevor ich patzig werden kann, erreiche ich meinen Zielbahnhof.

Schüler*innen sind nicht in der Schule, um Ihnen den Job leicht zu machen und Sie sollten sich was schämen, so mit den Ihnen anvertrauten – oder soll ich sagen ausgelieferten- Kindern und Jugendlichen umzugehen.

Mit diesem unausgesprochem letzten Wort verlasse ich die frustrierende Szene und fühle mich ziemlich alt.
Die ‚ Sie sollten sich schämen- Nummer‘ ist zwar ausbaufähig und hat durchaus etwas Vergnügliches …. aber die Frage, wie sich mit einer solchen Lehrergeneration etwas in unseren Schulen verbessern und sogar in Richtig Inklusion ändern soll, brennt mir auf der Seele und stimmt mich wenig zuversichtlich.

Zu Hause angekommen treffe ich auf eine vergnügte Teenie.
Wie gut, dass sie nicht mehr täglich denen, die NICHTS verstanden haben, ausgesetzt ist.

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Kekse für Alle!

Wenn ein junger Mensch in der Schule nicht klar kommt liegt es angeblich immer an problematischen Familienverhältnissen. Dazu gehören auch:

  • Eltern aus fernen Ländern ( Ausnahme: Länder in denen man so aussieht und sich kleidet wie wir, mit akademischem Titel oder Reichtum )
  • die immer mehr Menschen treffende Armut ( = ohne Liebe und Fürsorge ?)
  • ein ärztlich diagnostiziertes Handicap
  • sonstige „atypische“ Familienverhältnisse wie Einelternteil-Familie oder Berufstätigkeit beider Elternteile

Ach, wie ich sie liebe, diese Stereotypen!

In Hamburg gibt es das tolle Projekt JEA! von SchlauFox e.V. , hier schon einmal vorgestellt.
Dort werden Kids, die Gefahr laufen den Hauptschulabschluss nicht zu schaffen, 2 Schuljahre lang erfolgreich gecoacht.
Mit traditioneller Nachhilfe hat es kaum was zu tun, auch wenn dort die Fächer Mathe, Deutsch und Englisch geübt werden.

In der kurzen Reportage des NDR über diese Projekt muss leider wieder einmal zum Teil die eingangs erwähnte Begründung für Schulversagen herhalten. (1)

Aus eigener Erfahrung weiß ich:
was JEA leistet, ist 1000 mal mehr als in der Reportage dargestellt und hat vor allem damit zu tun: echtes Interesse am Jugendlichen, nicht nur die Sicht: der/die hält den ‚Klassenzug‘ ( mich, LehrerIn ) auf , Blick auf die Stärken, Geduld und Verständnis.
All das, was es im Schulalltag kaum gibt.

Und es ist bei weitem nicht so, dass dort nur SchülerInnen sitzen, deren Eltern nicht helfen können. Diese Aussage der Lehrperson ( Schulleitung? ) im Film ist kompletter Quatsch und eine Ausrede für LehrerInnen mit Schülerallergie.

Im JEA-Projekt sitzen die Kids, die aus welchem Grund auch immer, nicht in die Normpresse Schule passen. Davon viele, die nicht mit Erpressung, Demütigung und Bestechung zur Mitarbeit zu bewegen sind.
Weder von Lehrern noch Eltern.
Manche Eltern wollen das auch nicht, zu denen ich mich auch zähle.
Viele tolle Kids also!

Wer noch nicht weiß, wohin mit seiner Weihnachtsspende: SchlauFox macht was Gutes draus.

Und weil’s zum Thema passt, noch ein Link zu einem interessantem blogpost von Dr. Martin Winkler auf ADHS-Spektrum . Er macht sich Gedanken darüber, was Schule unseren Kids alles abverlangt und was das alles mit dem vermehrten Abtauchen in virtuelle Welten zu tun hat, vor allem für besonders reizoffene Kids.

Die Frustration beim Kind und seinen Eltern wächst. Die Kinder müssen eine enorme Kraftanstrengung aufbringen (bzw. von ihren Eltern bei den Hausaufgaben bzw. beim Lernen “gesponsert” werden), um überhaupt ein Begreifen und Vermitteln von Lernstoff und ein Spass am Lernen zu entwickeln. Viele Hausaufgaben meines Sohnes (6. Klasse) sind mir schon so unverständlich formuliert, dass ich Kopfschmerzen bekomme.
….. Bei Facebook habe ich sinngemäss den Spruch gelesen, dass Schule eben nicht eine Institution zum Nachweis der eigenen Unzulänglichkeiten und Abwertungen sein darf, sondern eben die Kinder in ihren Möglichkeiten und Entwicklungen fördern soll. Tut sie aber eben gerade nach dem subjektiven Erleben der Schüler und ihrer Eltern immer weniger.

mehr

Die Diskussion dort ist schon voll im Gange….

Leidenschaftlich Widersynnig wünscht allen Leserinnen und Lesern eine schöne Adventszeit. Und allen Kids und Eltern einen hausaufgabenfreien 1. Advent.

(1) leider habe ich den Beitrag  nur als in Facebook öffentlich eingebundenen Link – Anmeldung dort ist aber nicht nötig,  um ihn zu schauen

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