leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


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Neurodivers durch die NoG20 -Tage

Ganz von allein wache ich heute morgen auf. Irgend etwas ist anders. Ich horche. Ein Bus fährt an. Ein PKW rollt vorbei. Es dauert eine Weile, bis ich kapiere, dass es das Ratta-ratta-ratta-ratta der Militärhubschrauber ist, das fehlt. Kein einziges Lalülala zu hören.
Ein Blick auf die Uhr: schon fast 09:00 h – ungewöhnlich für die letzten Wochen. Teenie erscheint kurz danach auf der Bildfläche, findet diese Ruhe richtig unheimlich.

Grundsätzliches, auch wenn alle nur über Krawall reden

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Kulisse in der leeren Innenstadt – 1 Woche vor dem Gipfel

Ihr werdet es mehr oder weniger in den Medien verfolgt haben: meine Stadt war Gastgeberin des G20, zu dessen politischer Bedeutung sich Gerhard Mersmann in form7 Gedanken  gemacht hat:

Diese Länder haben sich bereits seit 1999 das Recht herausgenommen, außerhalb der Vereinten Nationen über die Probleme dieser Welt zu reden und sie zu lösen. Die Differenzierung wurde vorgenommen, weil dieser G 20, in dem die leidende Seite dieser Welt keine Stimme hat, trefflich über alles redet, aber Probleme gelöst hat er bislang nicht. mehr

Eine Nachbetrachtung mit Blick auf unsere demokratischen Grundrechte nimmt Günter Urabanczyk vor:

Es ist jedenfalls ein Unding, dass wir im Fernsehen Bilder der Mächtigen dieser Welt sehen, ohne dass man zugleich Sprechchöre im Hintergrund hört und Demonstranten und Demonstrantinnen sieht. So kann das in Moskau, Ankara und Riad aussehen, aber nicht in Deutschland. mehr

Dass von Beginn an Deeskalation nicht auf der Agenda stand, wird sehr anschaulich  von Markus Reuter auf netzpolitk.org dargestellt:

Schon vor dem eigentlichen Start des G20-Gipfels zeichnen sich massive Einschränkungen von Grundrechten wie der Versammlungsfreiheit ab. Das Verhalten von Polizei und Behörden verletzt nicht nur Bürgerrechte, sondern läuft einer Deeskalation bei den erwarteten Großprotesten zuwider. Ein Überblick. mehr

Neurodiverses Mitten-Drin-Sein

Wir leben nur einen Straßenzug entfernt des 38 qm großen Gebietes, in dem Hamburger Bürger*innen Grundrechtseinschränkungen zugunsten der G20 Teilnehmer*innen hinnehmen mussten. Unsere Teilnahme war nicht erwünscht, stille Zaungäste sollten wir sein und vor allem nicht zu dicht dran.

Schon Tage vor Beginn des G20 gab es hier kaum eine ruhige Minute. Helikopter, zunächst nur von der Polizei, dann auch die die vom Militär, schwebten über uns.  Leben hinter geschlossenen Fenstern. Durchschlafen war gestern.

Das Straßenbild wechselte von normal zu Polizei-Auto-Korso zu leergefegt.

Kein Treffen mit Freunden, in denen die Frage: „bleiben oder die Stadt verlassen?“  nicht thematisiert wurde.

Je näher der Gipfel rückte, desto präsenter die Staatsmacht. Rund um die Uhr. Beim Einkaufen auf schwerbewaffnete Beamt*innen treffen. Immer wieder diese Helikopter. Das Eintrudeln der Hundertschaften aus anderen Bundesländern in Reisebussen der Polizei, die Ausfahrten der Wasserwerfer und Räumfahrzeuge auf den Straßen der Innenstadt, Sperrgitter -Vorrat am Rande des Fußweges. Unser schwer bewachtes Straßenfest, von dem aus immer wieder mehrere Mannschaftswagen mit Sirene los fuhren um nach 10 Minuten wieder am selben Platz zu parken.
S-Bahn-Fahrten in die Innenstadt, Stacheldraht umzäunt. Bahnhöfe mit herumstehenden, bewaffneten, jungen Polizist*innen.

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Nervosität macht sich breit. Sicherheit strahlt das alles nicht aus. Auch nicht für NTs. Wer aber um ein leichter zu alarmierendes Nervensystem, das Reize nicht mal so eben weg filtern kann, verfügt, ist um etliches angespannter, spürt, hört, sieht und –   nach den Krawallen in unserem Stadtteil-  riecht das  alles viel intensiver. Und keine Ruhe zum

verarbeiten, die Show geht weiter und weiter und weiter.

Obwohl wir gut mit Spannungszuständen und Overload umgehen können: in der Nacht zum Samstag brauchten wir die Unterstützung der ohnehin schon schwer beschäftigten Rettungssanitäter.

Da zieht es mich hin – ich will davon weg

Teenies und mein persönlicher Umgang mit dieser Reizflut kann unterschiedlicher nicht sein.

Obwohl Rheumi mit mir geschimpft hat, lasse ich mir mein Recht auf Protest nicht nehmen. Ich freue mich über die vielen jungen Leute, die sich fantasievoll mit ihrer Zukunft auseinander setzten und ihre Vorstellungen einen gerechten globalen Welt auf die Straße bringen. IMG_0185 (2)Ich staune über die tollen Ideen, die da zusammen gekommen sind, ob getanzt wird, sich mit Lehn beschmiert und durch die Stadt geschlichen, Sitzblockaden errichtet, Joga und was noch alles gemacht wird.

 

Geht ins Netz Leute, da werdet ihr so viel mehr finden als Krawall und Unvernunft.

Ich bin beschämt darüber, dass jungen Menschen das Schlafen im Zelt verwehrt wird und freue mich, wie gut sie damit umgehen. Sehe auch die Hilfsbereitschaft vieler Menschen und Institutionen wie Gemeinden und Theater.

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Soweit es gesundheitlich geht, bin ich dabei. Eine spontane Demo nach einer Lesung in der Musikhalle, selbstverständlich bei der Protestwelle im Vorfeld der Anreise der G20 Teilnehmer und gestern auf der Groß-Demo “ Grenzenlose Solidarität statt G20 „. Immer wieder Polit-Festival – Stimmung, gestört durch die martialisch auftretende Staatsmacht. IMG_2128Warum muss eine Hundertschaft im Gleichschritt quer durch sommerlich gekleidete und sich auf der Straße ausruhende Demonstrant*innen joggen und sich mittendrin positionieren? Dort 10 Minuten drohend  stehen, bevor es „Abmarsch“ heißt, ohne dass eine Gefahrenlage erkennbar war oder eingetreten wäre? So wiederholt geschehen. Das verunsichert und heizt die Stimmung auf.
Das ist das Gegenteil von Deeskalation.
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Etwas in mir schreit nach Ruhe und abschalten, aber es zieht mich dennoch hin zu allem, was aktiv ist. Letzteres  ist meiner politischen Einstellung geschuldet, aber auch meiner neurologischen Formatierung. Ich bin innerlich aufgeputscht.

Bei Teenie zu Hause das Gegenteil.
Hohe Anspannung aufgrund der extremen Lärmverschmutzung durch Helikopter und Sirenen und der sicht-und spürbaren Veränderung unseres Alltags. Busse werden umgeleitet, das Stadtbild ist verfremdet. Die Folge sind Gereiztheit, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen; insgesamt ein Gefühl von Orientierungslosigkeit.
Nur zu Hause scheint es relativ sicher.
Vom Fenstersims aus Action Film und friedlichen Protest schauen.

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Blick aus Fenster G20

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Und so baut sich nach und nach der erste Overload auf, dank Entspannungs-und Selbststeuerungstechniken können wir immer wieder den großen Ausbruch verhindern.
Allein zu Hause sein ist kein gutes Gefühl mehr und so arrangieren wir uns mit meinem Wunsch, dabei zu sein und Teenies Schutzbedürfnis.

Als wir dann Freitag vom Lärm mehrerer Militärhelikopter, Leuchtkugeln, Polizeisirenen und aufsteigendem Rauch aus den Nachbarstrassen geweckt werden, steigt die Anspannung mehr und mehr. Und entlädt sich immer wieder in schockartigen Zusammenbrüchen.

Bittere Bilanz

Es sind anstrengende Tage und Nächte.
Wir erleben, dass es völlig egal ist, ob und wie Menschen von einem solchen Polizei-Aufgebot eingeschränkt und belastet werden, mal abgesehen von der politischen Bewertung der ganzen Veranstaltung.
Viele unserer Freund*innen waren immer wieder bei den unterschiedlichsten Protesten dabei und wir bekamen von zu Hause aus mit, was die Medien nicht zeigten.  Eine Freundin schrieb von der (seit Monaten herbeigeredet) berüchtigten Demo „welcome to hell“:
„Ich  bin erschüttert, wie diese fröhliche Veranstaltung kriminalisiert wurde. Die Polizei hat einfach die Straße blockiert. Später ist sie mit Wasserwerfern in die Demomenge, dort wo keine Vermummten waren. Die Demo wurde verarscht. Ich fahre jetzt nach Hause.“
Wie ich sie kenne, im Sommerkleid.

Politisch war dieser G20 eine Null-Nummer, was zu erwarten war.
Er hat nicht zu einer gerechteren Welt beigetragen.
Die Rechnung zahlen wir (wie immer).

Er  kostete uns Nerven und fügte unserer Demokratie Schaden zu.
Man darf sich fragen, ob hier nicht nur eine Exklusive-Polit-Show vor wem auch immer gesichert wurde, sondern ob es sich nicht gleichwohl um eine Real-Life-Übung der Sicherheitskräfte für Auseinandersetzungen ganz anderer Größenordnung gehandelt hat. Bei den Krawallen  Freitag Nacht hat die Polizei so lange mit dem Einschreiten gewartet, bis Anwohner*innen sich gegen Randalierer*innen gewehrt haben. Erst dann wurde geräumt. Auch in unserem Land geht die Schere zwischen Arm und Reich mehr und mehr auseinander.
Nachdenken.
Nicht nur für Teenie politische Bildung konkret.

Dank und Wünsche

Bedanken möchte ich mich bei allen Freund*innen und Bekannten, die uns in diesen heftigen Tagen unterstützt haben. Ihr habt uns mit Infos versorgt, weil wir selbst nicht dabei sein konnten und ward hier, damit ich draußen sein konnte. Ganz besonders geholfen hat Teenie der Tag auf dem Land – weitab von all dem Getöse. Mir hat er zudem die Gelegenheit verschafft, mich mit meiner angereisten Familie dem Protest gegen G20 auf der Straße anzuschließen.

Den jungen Menschen, die noch immer politische Ansprüche haben und deren Ziel eine bessere Welt ist, aber keine andere Möglichkeit sehen, als Randale zu machen, wünsche  ich Entwicklung und Einsicht.
Denjenigen, die sich vorschnell von allem distanzierten, das der Obrigkeit nicht gefällt  und lieber auf deren Demo (Hamburg zeigt Haltung)  mitliefen – und dann noch die Krawalle und nicht die Zukunft unseres Planeten in den Fokus rückten- mehr Mumm und Durchblick.

Menschen, die uns in den Rücken fallen, nur um ihre Aggressionen  loszuwerden, wünsche ich nix.

Wir, die Eltern dieser Generation mit unklarer Zukunft, sollten uns mal fragen, was Teile dieser dazu bringt, rücksichtslos Stadtteile zu zerstören.  Letzte Nacht in Hamburg – die im Bündnis organisierten politischen Aktionen waren alle vorbei – mischte sich der unpolitische Demo-Mob mit abenteuerlustigen Party-Touristen. Eine Saturday-Night der besonderen Art.  Wie viele davon fahren jetzt nach Hause in ihre wohlbehüteten Vororte zurück in ihr bürgerliches, leistungsorientiertes Leben?

Teenie und ich ruhen uns heute aus, jede auf ihre Weise.
Rheumi darf jammern.
Dieses Mal fand das elitäre Treiben bei uns statt. Die Politiker*innen bei euch sind sicherlich nicht weniger rücksichtlos als hier. Im Zweifel werden unsere Interessen untergeordnet.
Passt auf euch auf.
Und mischt euch ein, so lange es noch geht und so wie es für euch geht.
Nicht jede/r hält eine Demo aus. Aber jede/r kann irgend etwas zur Veränderung beitragen.

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Banner des Thalia Theaters

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Ein Kommentar

Was geht?


Geschafft.

Weihnachten und so. Ein frisches Jahr ist da. Neubeginn?

Ich habe keine Ahnung. Von den üblichen Feierlichkeiten habe ich mich fern gehalten. Da wir hier noch vor dem Weihnachtsfest ein Geburtstagsfest haben, reicht meine Kondition meist nicht bis zur Party der guten Vorsätze. Ich habe sowieso nie welche.

Was ich habe sind Pläne und Wünsche. Nicht unbedingt in Zusammenhang mit Neujahr, eher so generell.  Manche davon realisierbar… die meisten davon wohl eher nicht. Ich könnte jetzt eine Reihe von „hätte/wäre-Sätzen“ niederschreiben, lass ich aber.

Ein paar kleine Kurzfristprojekte gibt es auch. Ganz simple Sachen, dachte ich. Konfrontiert mit etlichen Gehtnichts seitens Dritter gebremst. Nun versuche ich heraus zu bekommen, was geht.  Und stosse dabei auf meine eigenen Grenzen in Form von Willnichts.

Wie machen das Stino/NT-Familien?  Setzen die sich an einen Tisch, jeder äußert seine Dasgehts und dann geht es nur darum, das beliebteste davon  auszuwählen?

Nun, bei uns ist das so einfach nicht. Unsere Aufgabe ist es wohl zunächst, den Blick von den Einschränkungen weg zu lenken hin zu den Möglichkeiten, seien sie auch noch so eingeschränkt. Und dann dann daraus einen für alle tragbaren Kompromiss zu finden. Nicht einfach bei gegensätzlich gepolten Menschen.

Und dann auch noch zufrieden sein mit dem Ergebnis. Puh.
Das ist überhaupt DIE Aufgabe für das neue Jahr.
Ein Jahr der kleinen Schritte.
Inklusion kommt nicht in die Puschen.
Entwicklung kann nicht beschleunigt werden.
Es ist wie´s ist.
Immerhin  ist auch Zusammenleben möglich.
Dass wir den Blick dafür behalten, das wünsche ich uns.

Und auch euch, mit welchen Gehtnichts ihr auch immer zu kämpfen habt.

Ein frohes neues Jahr für euch!

Eure LW

 


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Anders

Mein Vater gibt sich Mühe. Meine Mutter nennt mich weiter Felix. Sie erträgt es schlecht, wenn Dinge sich ändern. Man muss dafür Verständnis haben, oder?

Anders‚  von Andreas Steinhöfel – eine Buchbesprechung

Felix ist ein eher unscheinbarer, gut behüteter 10jähriger Junge.

Bis er einen Unfall hat, der ihm eine Kopfverletzung,  eine Zeit im Koma und  eine partielle Amnesie beschert. Zwar beherrscht er noch immer unsere Kulturtechniken, aber an die Menschen aus der Zeit vor dem Unfall kann er sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an sich selbst.

Nicht nur er muss seine Eltern und Freunde neu kennenlernen, sondern auch umgekehrt. Felix benimmt sich völlig anders, hat andere Vorlieben, Stärken und vor allem: er nimmt die Welt auf eine besondere Weise war und verhält sich entsprechend.
So ist es nur konsequent von ihm, dass er nicht mehr Felix heißen möchte.
Anders, diesen Namen hat er sich ausgesucht, denn so fühlt er sich auch.

Die Mutter, gewohnt, ihrem Sohn den Alltag vorzugeben, zu bestimmen was wichtig ist und was nicht und damit seine Entwicklung akribisch zu lenken, sieht sich nun mit der Unmöglichkeit der Fortsetzung ihres Konzeptes konfrontiert.
Aus dem formbaren Sohnemann ist ein eigenwilliger Mensch, der seinen Weg auf seine Weise geht, geworden.
Plötzlich ist sie eine Mutter, dessen Kind nicht mehr funktioniert, wie es in ihrem sozialen Umfeld sonst üblich ist. Kein Kind zum Vorzeigen.

Nicht ganz so schwer tut sich der Vater.
Auch er nimmt sich vor, seinen Sohn neu kennen zu lernen. Und merkt, dass er ihn auch vorher nicht besonders gut kannte. Er schafft es, sein verändertes Kind anzunehmen, vielleicht sogar mehr als das Kind vor dem Unfall.
Konflikte zwischen den Eltern sind vorprogrammiert.

Bleibt noch die Sicht der Kinder, denn  Anders/Felix  hat Freunde, geht zur Schule und wie es sich für ein Jugendbuch gehört, liegt der Focus der Geschichte nicht bei den Befindlichkeiten der Eltern sondern dem Treiben der Kinder in Form einer spannenden Geschichte. Denn eigentlich ist es aus deren Sicht gar nicht so wünschenswert, wenn Anders sich an früher erinnert….

Gekauft habe ich Andreas Steinhöfels Buch ‚Anders‘ nicht für mich, sondern für Teenie. Nach ein paar Seiten hab ich es nicht mehr her gegeben.
Mir gefiel, wie Anders Eigenheiten die Mutter mit ihrem Perfektionismus ausbremste.
Der Wandel von Felix zu Anders eröffnet dem Vater hingegen eine Beziehung zu seinem Kind, wie er sie vorher nicht haben konnte und setzt zudem einen ganz persönlichen Emanzipationsprozess bei ihm in Gang.

Im Vergleich zwischen Felix und Anders schnitt Letzterer mit seiner inneren Autonomie gesellschaftlichen Normen gegenüber deutlich besser auf meiner Sympathie-Skala ab.
Sicher auch, weil ich in Anders neuer Sensibilität, Reizoffenheit und ungewöhnlichen Fähigkeiten häufig mein eigenes Kind wieder erkannte.

Ohne sich medizinischer Diagnosen zu bedienen, beschreibt Steinhöfel ein Kind, für das unsere Gesellschaft die Schubladen des DSM 5 bereit hält.
Er beschreibt es mit Sicht auf seine Stärken. Wie schon bei den Büchern über Rico und Oscar, schafft er es, stigmatisierende Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen wie z.B. ADHS, Autismus, Synästhesie als ganz gewöhnlich und überhaupt nicht bedrohlich darzustellen.

Steinhöfels neues Buch geht über die Beschreibung der Welt der Kinder weit hinaus. Es zeigt auch auf, in welchen gesellschaftlichen Mustern die Erwachsenen verhangen sind. Wie sie den Schein der perfekten Familie wahren. In der Leistungsgesellschaft dabei sein wollen. Ihren Kindern um den Preis der Kindheit versuchen, einen guten Platz darin zu verschaffen. Zur Reflexion ihres Tuns nicht in der Lage sind.

Sie holt mich immer ab. Überall…..Man ist dauernd überwacht. Man kann nichts alleine machen. Mein ganzes Leben ist ein Scheiß-Überwachungsstaat. (S. 116)

Sich selber, auch wenn sie spüren, dass das alles nicht gut und richtig ist, dennoch den Gepflogenheiten und deren Hütern unterordnen.

Einen Menschen wie Anders brauchen, um endlich zu sehen, was falsch läuft in ihrem Leben.
Aber auch, dass ein Wandel dieser gesellschaftlichen Werte nebst Veränderung der Lebensgewohnheiten derzeit den Preis des Nicht-Mehr-Dazu-Gehörens hat.

Weitere Protagonisten wie eine Nachbarin, ein ex-Nachhilfelehrer, das pädagogische Personal und die Kinder nebst ihren Eltern in der Schule verdeutlich die möglichen Reaktionen auf Menschen wie Anders: Abgrenzung, Angst, Bewunderung, Respekt, Verunsicherung.

Ich bin gespannt, was Teenie zu dieser Geschichte sagt.

Ihre erste Ablehnung gegen das Buch ( lass mich mit dem anders-Scheiß in Ruhe, ich bin Teenie, mich interessiert das nicht, nicht ich hab Probleme sondern der Rest der Welt ) ist der Neugier gewichen, schließlich geht es um ihr bekannte Wahrnehmungsweisen und es ist von einem ihrer Lieblingsautoren.

Außerdem reizt sie der Diskurs darüber mit mir.
Ein willkommener Anlass, wieder einmal über unser Zusammenleben und die uns leitenden Werte zu reden. Ich bekomme da manchmal mein Fett ab… aber dennoch:
Ich freu mich drauf.

Mit Anhieb schafft dieses Buch den highscore auf meiner Lieblingsbuch-Liste.
Steinhöfel ist ein tolles, unaufdringliches Plädoyer für Inklusion gelungen.

Unbegingt lesenswert.

Leise Zweifel bleiben lediglich bei der Altersangabe des Verlages. Für 12jährige scheint es mir noch etwas früh.

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Her mit dem Stigma!

„Situationsanalyse und sozialpädagogische Diagnose ergeben ein klares Bild, das Frau X die Jugendliche Y bisher hervorragend unterstützt hat. Es ist nun an der Zeit, Y , die sich im Abnabelungsprozess von der Familie befindet, externe Unterstützung anzubieten, damit gleichzeitig Frau X zu entlasten und ihr wieder Freiraum für die eigene Weiterentwicklung zu schaffen. Die Unterstützung der Y erfolgt im Hinblick auf die von ihr zu erbringenden besonderen Leistungen beim Übergang in das Erwachsenen-Leben. Es besteht ein Anspruch auf Unterstützung gemäß §§ …….“

Ja!
Nach jahrelangem, kräftezehrendem Begleiten eines Kindes mit speziellem Betreuungsbedarf im familiären Miteinander,  bei der Erlangung von Alltagsfertigkeiten, Schule, Freizeit und gleichzeitiger Stärkung besonderer Fähigkeiten und Begabungen wären diese Worte Ausdruck der Anerkennung und Wertschätzung elterlicher ( hier alleinerziehender, berufstätiger ) Höchstleistung und gleichzeitig ein Signal an den jungen Menschen, dass es sich lohnt, ihm, der seinen Weg in die ‚Normalo-Welt‘ so mühsam finden muss, individuelle Orientierungshilfe anzubieten. image

Wären?
Unser Jugendamt ist wirklich o.k. Verständige und engagierte Mitarbeiter. Schnelle Bearbeitung. Eine für alle akzeptable und vorwärts weisende Maßnahme.

Aber….
Um den Anspruch auf Unterstützung zu begründen, müssen die Voraussetzungen des Gesetzes erfüllt sein. Und dieses spricht von hilfebegründenden Defiziten. Bei den Eltern und Kindern. Worte wie Überforderung, Probleme usw. im amtlichen Bescheid brennen wie Feuer. Da kühlt auch der Gedanke, dass die beteiligten Sozialpädagogen das gar nicht so sehen, sondern eher Respekt vor dem, was wir geschafft haben, ausdrücken und eifrig dabei sind, sich auf unseren Kenntnisstand bzgl. Synästhesie, Hochsensibilität & Co zu bringen, nicht wirklich.

Schwarz auf weiß.
‚Ihr kriegt es nicht hin‘.
Der Preis, den Familien wie wir immer wieder zahlen müssen.

Da wundert es nicht, dass viele Familien den Gang zum Jugendamt scheuen.

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Nicht dabei

Wisst ihr was?
Teilhabe reicht mir nicht.
Sie kann nur der Anfang sein.

Neulich erlebte ich ein mir seit meiner Kindheit bekanntes Gefühl wieder und habe es geschafft, es endlich, ebenso wie eine immer wieder von meiner Tochter seit ihrer frühen Kindheit wiederholte Äußerung, zu verstehen.

Aufgewachsen in einer nicht begüterten Familie, in der zudem neurologische Besonderheiten, die Wahrnehmung und Reizverarbeitung betreffend, nichts Besonderes sind, fühlte ich mich bis zur Schulzeit völlig dazugehörig und in der gesellschaftlichen Teilhabe nicht eingeschränkt. Es gab oft schwierige Zeiten in der Familie – aber das war unsere Normalität.
Zusammenhalt, Anerkennung, viel Musik und Spaß prägen meine Erinnerung.

In der Grundschule kam ich dann in Berührung mit ordentlichen Familien, in denen alles so war, wie auch im schulischen Lesebuch und anderen Büchern beschrieben. TV spielte noch keine große Rolle damals, aber als Leseratte hatte ich immer gedacht, das sind nur ausgedachte Geschichten mit Menschen, die ein ausgedachtes Zusammenleben haben, mit ausgedachten Problemen, jenseits der Realität.
Nun lernte ich sie also kennen: Familien, in denen jeder ein eigenes Zimmer hatte, in denen die Mutter nicht arbeiten ging, die in Urlaub fuhren und die nie stritten. In denen man lange beleidigt war. Konflikte nicht nach außen dringen durften.
Die Familie meiner besten Freundin hatte sogar Teppichboden in der ganzen Wohnung- das fand ich sehr beeindruckend und gleichzeitig unheimlich: alles dort war gedämpft, sogar die Schritte, die man machte. Aber so schön weich, WOW…

Auf der weiterführenden Schule ( nein, ins Gymnasium wollte ich nicht ) gab es noch mehr dieser sonderbaren Familien. Wir lasen noch mehr unrealistische Geschichten. Meine Klassenkameradinnen sprachen über Hanni und Nanni, Nesthäkchen ( meine Güte…. das Zeug hatte ich Jahre zuvor gelesen ) und ich las ‚Coming of age ‚ – Autobiographien z.B. von Anne Moody, einer afroamerikanischen Aktivistin der Bürgerrechtsbewegung, was meine Mitschülerinnen nicht so interessierte.
Alles, was ich über das ( bürgerliche) Normalo-Leben wusste, hatte ich aus Büchern.
Natürlich kamen darin spezielle Charaktere vor, aber die wurden dann irgendwie als schwierig, nicht ’normal‘ dargestellt.
In Schulaufsätzen gab ich das zum Besten, kassierte Lob für Geschwurbel, das ich für völlig plemmplemm hielt, denn schnell hatte ich ein taktisches Verhältnis zu den LehrerInnen und dem, wofür man gute Noten bekam, entwickelt.
Ich schrieb mit ‚ verstellter Stimme‘. (1)
Die Inhalte aber ließen mich kalt. Ich wurde bewertet mit Maßstäben, die nicht meine waren. Zog mich zurück und irgendwann ging ich nicht mehr hin in diese Veranstaltung, in der ich für das Leben lernen sollte und die so gar nichts mit mir und meinem Leben zu tun hatte.

Hauptschule. Fachlich einfach für mich, sozial anregend.
Emotional sicherer Boden, von dem aus ich meine Flügel wachsen lassen konnte und einen weiteren Ausflug in‘ s Normaloland unternehmen konnte.
Die Zeit dort hat mir Mut gemacht, mir zu holen, was mir zu steht.
Teilhabe…..

Die Oberstufe auf einer Gesamtschule und noch mehr die anschließende Studienzeit waren begleitet von einer inneren Distanz zum inhaltlichen und sozialen Treiben dort.
Ich wusste, dass ich nicht dazu gehörte. Dass ich mir etwas nahm, das andere für sich gepachtet hatten. Und bin bis heute stolz darauf.
Ich habe teil.

Mutterschaft, und alles fängt von vorne an.
Sehen, wie mein Kind in vergleichbarer Weise seinen Platz sucht.
Dafür kämpfen, dass es ihn formal bekommt.
Immer wieder erleben, dass Teilhabe nicht automatisch dort eingelöst ist, wo die unterschiedlichsten Menschen sich lediglich in einer Institution, einem Raum, einer Gruppe aufhalten.

Ich werde nicht gesehen…….

Stimmt mein Kind. Du hattest Recht. Es tut mir leid, dass ich das früher nur wörtlich genommen habe.

In der letzten Woche war Abschiedsfeier in deiner früheren Schule. Du warst nicht dabei und hast es gedauert. Auch mir versetzt es einen Stich ins Herz.
Wieder einmal musste ich dir sagen, dass es ohnehin nur eine Veranstaltung für die gewesen ist, die schon immer gesehen wurden.
Du wärest empört darüber gewesen, wenn schöne Worte in den Abschiedsreden à la ‚ es gab auch mal Probleme, aber die haben wir gemeistert‘ das Leid und die noch immer nicht verheilten Wunden derer, die am Rande der Klassengemeinschaft standen, übertünchten.
Wenn so getan wird, als sei alles im Großen und Ganzen gut gewesen und jede/r hätte einen guten Platz in der Gemeinschaft gehabt.

Eigentlich solltest du eingeladen werden. Fehlanzeige.
Und eigentlich wolltest du nur hin, um wenigstens jetzt, zum Schluss wahrgenommen zu werden. Um zu zeigen, wie du deinen Weg gehst, Raum einnimmst, dich entfaltet hast, sichtbar gemacht hast.
Aber bis dahin musst du noch Geduld haben – in einigen Jahren erst wird für Menschen, die jetzt noch denken ‚ ach, die funktioniert nicht richtig‘ deutlich werden, dass auch ein anderer Weg als der ihre zum guten Leben führen kann.
Deine Zeit wird kommen….

Einzelne, Familien mit einem behinderten oder Neuro-atypischen Familienmitglied, mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, aus armen Verhältnissen Kommende und alle anderen, die nicht aus dem bürgerlichen bzw. vermeintlichen Normalo – Bilderbuch entsprungen sind – für die meisten Menschen sind wir noch immer unsichtbar, selbst wenn wir mitten unter ihnen sind.
Immerhin, in Literatur und Film gibt es zarte Pflänzchen des Wahrgenommen werdens.
Und nicht zu vergessen die vielen Blogs Betroffener, in denen jeder, der sich schlau machen möchte, dies auch tun kann.

Teilhabe ist so viel mehr als dabei sein dürfen.

Anerkennung und Aufgreifen der unterschiedlichen Erfahrungs- und Erlebenswelten aller Menschen. Wird Zeit, dass wir wirklich gesehen werden, und zwar im Alltag.
Im Schulunterricht, den Schulbüchern, an der Uni, in der Arbeitswelt, in Vereinen und der Politik.
Wie weit sind wir davon noch entfernt?

Unsere Diskussionen um Inklusion empfinde ich manchmal als pipifax, auch wenn sie wichtig sind.
Ein paar weitergehende Gedanken als gewohnt hat sich Christian Schneider in seinem Blog jawl.net gemacht.
Lesenswert.

(1) eine Technik, die ich noch heute mit Erfolg gelegentlich im Berufsleben praktiziere 😉

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Zahlengefühl

Vielleicht ist es Zufall, dass ich ausgerechnet aufgrund eines langanhaltenden Fiebers die Mathestunden versäumte, in denen es um Primzahlen ging.
Ich habe das nie nachgeholt und diese Zahlen hatten fortan in meinem Leben auch nie irgendeine Bedeutung,

Zu Zahlen hatte ich sowieso immer ein eigenartiges Verhältnis.
Nehmen wir z.B. die geraden Zahlen.
Allen voran die 2. Mit der konnte ich zwar gut rechnen, aber sie ist soooooo langweilig. Na gut, man könnte sie ’nett‘ nennen, aber ’nett ist die kleine Schwester von sch**** ….‘ – ihr wisst schon.
Die Zehner, Hunderter, Tausender usw. nehmen zwar Raum ein, sind aber auch ziemlich einfältig. Anders da schon die 4, 6 und 8 ….sie bemühen sich um ein eigenes Profil und schaffen es doch nicht wirklich.

Nicht so die ungeraden Zahlen. Die sind interessant, manchmal sperrig und jede von ihnen hat einen ganz eigenen Charakter. Also die 7 ist mir richtig sympathisch, lebhaft, witzig und unberechenbar. Die 9 hingegen ruht in sich selbst, sie ist ein Chef im positiven Sinne, die 1 ist mir unheimlich, als wäre es gar keine wirkliche Zahl und die 3 ist richtig zickig….!

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Manche Zahlen passen gut zueinander, andere hingegen stoßen sich gegenseitig ab. Eine 25 dürfte es eigentlich gar nicht geben, diese Ziffern passen einfach nicht zusammen. Die nette 2 stirbt wahrscheinlich vor Angst vor dieser unausgeglichenen, alles steuern wollenden 5.
Es gibt aber auch richtig gute Teams: 75 ist wunderbar, 795 ist auch gut, aber mehr siebenen, fünfen und neunen zusammen brauchen neutralisierende gerade Zahlen….

Schon im Matheunterricht mochte ich gewissen Zahlenkombinationen sehr und andere kamen mir falsch vor, selbst wenn ich richtig gerechnet hatte.
Unsicherheit bezüglich des Ergebnisses war die Folge.
Da habe ich dann so manches Mal nachgerechnet und nicht selten ist aus einem richtigen Ergebnis ein Falsches geworden….so ähnlich, wie wenn man zu lange über die richtige Schreibweise eines Wortes, welches man spontan richtig geschrieben hat, nachdenkt.
Und so kommt es, dass ich mir bis heute meine Kontonummer, die ich immerhin seit über 20 Jahren habe, nicht merken kann, andere, weitaus längere Ziffernpasswörter jedoch ohne Probleme.

Nun kann ich ja nicht zur Bank gehen und der netten Dame am Schalter sagen : ‚wissen Sie, diese Ziffern kann man doch nicht ohne neutralisierende Zeichen dazwischen nebeneinander schreiben, merken Sie das denn nicht?‘

Aber was hat das jetzt mit den Primzahlen zu tun?

Wie viele Eltern, deren Kinder die Welt auf besondere Weise (sensorisch) erleben, komme auch ich nach und nach hinter so manches Geheimnis meiner Wahrnehmung.
Bisher hatte ich Teenie immer heimlich meine kleine ‚Primzahl‘ genannt.
Jetzt, wieder einmal in der Situation zu reflektieren, mit wem ich eigentlich wirklich etwas gemeinsam habe und was, erkenne ich, dass auch mir diese Eigenschaft nicht ganz unbekannt ist.

Eine Verwandte 3. Grades in der Seitenlinie behauptet übrigens, Zahlen hätten Geschlechter.
So‘ n Blödsinn, das kann‘ s doch gar nicht geben 😉

Oder sollten sogar nur ca. 25 % gleicher Erbinformation uns ein ähnliches Erleben der Welt bescheren?

Zum Thema Synästhesie hier

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2 Kommentare

L-W-o-mat

Kurz-pro-gramm-40 °.
Un-sor-tiert.
Mehr-gibt-es-heu-te-nicht.
Es-gibt-auch-kein-Lieb-lings-ess-en.
Ja-ich-kümm-e-re-mich-um-das-Not-wen-dig-ste.
Nein-mehr-geht-nicht.

Wenn-du-zor-nig-bist-dreh-die-Mu-sik-auf.
Bei-Angst-komm-zu-mir-a-ber-ru-hig.
Sprich-mit-mir-wenn-du-trau-rig-bist.
Bei all-en-an-de-ren-Be-find-lich-kei-ten-sieh-zu-wie-du-klar-kommst.
Zan-ke-heu-te-nicht.
Bi-tte.

Ak-ku-leer – – – Ak-ku-le- – – – Ak-ku-l- – – – – –

Man muss kein hochsensibles Kind haben, um zu wissen, wie wichtig es für Kinder / Jugendliche ist, dass wir Eltern in Krisenzeiten verlässlich funktionieren.
Denen aber, die über eine besonders geschärfte Wahrnehmung verfügen, kann man noch weniger als anderen vorgaukeln, dass der Fels in der Brandung unerschütterlich steht, wenn er dabei ist, von den Wassermassen davon gerissen zu werden.
Da hilft kein sich Zusammennehmen.

(Hoch)Sensible Kinder reagieren häufig extrem mit Wut, Zorn, ziehen sich zurück.
Physisch und psychisch.
Nicht selten führen diese Stresssituationen zu psychsomatischen Erkrankungen.
Jugendliche, welche aufgrund ihrer Besonderheit einsam sind, und das sind insbesondere die aus dem autistischen Spektrum, haben keine Möglichkeit, ihre Angst und Verunsicherung mit anderen gemeinsam zu verarbeiten.
Kein gemeinsames Lümmeln auf dem Sofa und Gerede wie:
Oh Mann, wenn ich 18 bin ziehe ich aus, das nervt alles, stell dir vor, du würdest auf dem Mars leben, ich skype lieber von da aus, meinst du, man wird wiedergeboren, ist doch voll unlogisch, dieses Spektakel, und dann allen Menschen die Hände schütteln, sogar Fremden, lass‘ mal das Stück von xxx hören, aber laut!

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.(1)

Diese Jugendlichen ängstigen sich auch um den Bestand der täglichen Routinen.
In dieser Gefühlslage sind sie kaum in der Lage, Rücksicht auf den Garanten des sicheren Alltags zu nehmen.

Ich bin sicher, im Kleinen kennen alle Eltern das.
Ist die Mutter krank, quaken die Kids umso mehr.

Hat jemand eine Vorstellung davon, wie das im Großen ist?
Diese Tage höre ich immer wieder den gut gemeinten Rat: pass auch auf dich selbst auf.
Ja, sag ich dann, wie soll das konkret aussehen?
Nicht eine brauchbare Antwort habe ich auf diese Frage bekommen.

Ich bin kein Typ für Ruhe.
Bewegung ist mein Wasser, in dem ich mich wohl fühle wie ein Fisch.
Denken beim Gehen . Beim Reden. Schreiben.
Schon in guten Zeiten schaffe ich es nicht, ein Hörbuch durchzuhalten.
Wenn ich mich konzentrieren will, gehe ich ins Café.
Arbeiten in der Stille: nur wenn ich direkt aus dem Schlaf komme, dann aber richtig produktiv. Die einzige Tätigkeit, die zwischengeschaltet werden darf ist Kaffee kochen. Schon duschen zerstört die Konzentration auf das Arbeitsergebnis der Nacht.
Ich brauch‘ so etwas wie eine Fotolinse, um langsam ( achtsam ? ) durch die Welt zu gehen.
Teenie bevorzugt das Gegenteil.
Das macht es nicht einfacher.

Antworten, die ich für mich geben kann:
1. kleine Ich-Inseln im Chaos ( z.B. Cello, Chor , Uni, schreiben )
2. Teenie gut versorgt wissen
3. die kleinen entspannten Momente mit Teenie genießen
4. um Hilfe in kleinen Dingen bitten und annehmen, was mir schwer fällt
5. nichtexistenzielle Pflichten aussitzen

Nach dem großen Wurf suche ich seit Jahren.
Warum soll er gerade jetzt gelingen?

Unser Sozialwesen sieht niedrig-schwellige, schnelle Unterstützung für Familien in Krisen nicht vor.
Keine Familie oder Freunde vor Ort?
Pech gehabt.
Wer ein Kind hat, das wegen seiner Eigenheiten nicht mal eben weg organisiert werden kann, erst Recht.
Da bleibt nur: funktionieren, irgendwie.
Wir sind eben kein notleidendes Bankhaus. Da hätte unser Staat sicherlich fix ein Hilfspaket zusammengeschnürt.

Unser Haus schwankt, aber das Fundament ist fest.

Aber sogar jetzt gibt es einen Grund zum Staunen und zur Zuversicht.
Wieder einmal erlebe ich, wie treffend, klar und weitsichtig Teenie die Situation erfasst, ihre Bedürfnisse messerscharf artikuliert und gute Entscheidungen für die kommenden Tage trifft.

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Hochsensible,  Synästhetiker_innen,  ADHSler_innen und Autist_innen haben in erster Linie ein ‚Mehr‘, nicht ein ‚Weniger‘.

Wenn man sie lässt und ihnen hilft, finden sie ihren Weg.
DAS ist die große Lösung.
Nicht nur für mich.
Fast alle Eltern werden das ( in Ansätzen) verstehen.

(1) John Lennon

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