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0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


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Abschmink-Maßnahme

Seitdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, ist viel Wasser die Elbe hinunter geflossen.

Oft sind wir hin gefallen, wieder aufgestanden und haben unsere Kronen gerichtet.
Und jedes Mal fällt die Aufrichtung schwerer und ist die Krone angekratzter.

Was als Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) deklariert ist, entpuppte sich als weiteres Instrument der Selektion. Jungen Menschen mit Behinderungen wurde wieder einmal mit überwiegend defizit-orientierter Haltung begegnet. Nett verpackt als Lernziel, sich mit seiner Behinderung auseinander zu setzen und seine beruflichen Ressourcen realistisch einzuschätzen.

Wege, wie Talente, Interessen und Stärken trotz Behinderung genutzt werden können, wurden nicht gesucht. Eine stark eingegrenzte Auswahl zwischen verschiedenen Berufsfeldern, unzureichende Kontakte zu betrieblichen Kooperationspartnern vor Ort und chronischer Personalmangel beim Maßnahme-Träger sind sicherlich weitere negative Komponenten.

An den Geschäftsführer der Bundesagentur, Herrn Scheele, richtete sich unserer Elternverein zum Jahresanfang mit den Worten:

Wir als Eltern erleben, wie unsere Kinder in diesen Maßnahmen scheitern, keine Anschlussperspektive erhalten oder selbst im Anschluss an eine erfolgreiche BvB keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden.
Das bestätigte auch eine Anfang 2017 von Autismus Hamburg e.V. und autSocial e.V. durchgeführte online-Befragung für Hamburg: für 40 % der Befragten, die eine Maßnahme begonnen haben, wurde diese vom Träger vorzeitig beendet. Im Anschluss an eine absolvierte Maßnahme haben 21,2 % eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden, 57,8 % haben nichts und 21,1 % sind in einer weiteren Maßnahme. Wir Eltern erleben im Gegensatz dazu über Jahre, unter welchen Rahmenbedingungen unsere Kinder leistungsfähig sind und ihre Potentiale entfalten können.

Unser Ziel: dafür sensibilisieren, dass AutistInnen nicht in eine 0815-Maßnahme gepackt werden können.

Ein anschließendes Gespräch mit der Regionalleitung und der örtlichen Leitung der Reha-Abteilung war zwar atmosphärisch recht angenehm, brachte aber im Ergebnis nichts als bittere Klarheit: die Bundesagentur sei die Behörde für Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt klar kämen. Die Maßnahmen, die Teilhabe zum Arbeitsleben (LTA) beinhalten, seien hinreichend. Man könne dafür nicht noch mehr Geld ausgeben.

Was für ein beschissener Job

Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen  und Ausbilder*innen in den Trägern dieser  Maßnahmen haben also die Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie setzen damit die Arbeit der Lehrer*innen an allgemeinbildenden Schulen fort.

Dabei sind das doch eigentlich helfende Berufe. Wie halten das diese Menschen eigentlich aus? Welche „Wahrheit“ legen sie sich zu Recht? Dass es Menschen mit Behinderung doch viel besser geht, wenn sie unter sich bleiben?  Dass sie ein selbst bestimmtes Leben gar nicht wollen?

Wie schaffen sie es, jungen AutistInnen mit Potenzial, aber möglicherweise noch ohne sogenannte Ausbildungsreife, ohne Gewissenbisse die Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu empfehlen? Auch Asperger AutistInnen, die keinen hohen Schulabschluss  haben, sind oft sehr gebildet und in einer WfbM intellektuell total unterfordert. Wie kann man ihnen die Lüge auftischen, dass sei für ihre Entwicklung am Besten und natürlich nicht für immer…?

Machen sie einen großen Bogen um Artikel wie diese, im März in Brand Eins online oder kürzlich in der taz erschienenen?

Teilnehmer*innen und Eltern werden angelogen, dass sich die Balken biegen. Der Prozentsatz der Menschen, die  eine Werkstattbeschäftigung hinter sich lassen, liegt noch nicht einmal bei 1 %.

Was ist das für eine verquere Logik, wenn Werkstätten für behinderte Menschen sich als Teil der Inklusion darstellen?

Natürlich ist mir klar, dass diese Berufsgruppen nichts empfehlen können, was in Deutschland gar nicht existiert.  Wie wäre es damit, sich diese Hilflosigkeit einzugestehen, wie damit, mit Teilnehmer*innen und Eltern ehrlich umzugehen und wie damit, sich für gute Lösungen zu engagieren?

UN-BRK: Deutschland,  6 – setzen

Im März 2015 beschäftigte sich der UN-BRK-Fachausschuss in Genf mit der Staatenprüfung Deutschlands und untersuchte, wie es hier um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtkonvention steht. Die Agentur 53° Nord befragte dazu Klaus Lachwitz, den Präsidenten von Inclusion International.

Interessant zu lesen, dass in England die WfbM geschlossen wurden. Dass es möglich ist, Wege zu gehen, die in Deutschland noch nicht einmal gedacht werden dürfen, ohne des Realitätsverlustes bezichtigt zu werden.

Auffallend im Interview, dass es immer um Menschen mit geistiger Behinderung geht, wenn von WfbM gesprochen wir. Auch in Deutschland wurden die WfbM für diesen Personenkreis konzipiert. Mittlerweile sind sie aber ein Auffangbecken für alle, die nicht funktionieren, wie der allgemeine Arbeitsmarkt ( sprich die privaten und öffentlichen Betriebe und den dahinter stehenden Eigentümern) es gerne hätte.

Was kommt noch?

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit Hr. Scheele hat sich nun ein weiteres Projekt ausgedacht. Arbeiten ohne jedes Entgelt für Langzeitarbeitslose in Betrieben der Privatwirtschaft.

„Das neue Konzept sieht vor, Menschen, die seit mindestens vier Jahren arbeitslos sind, zwei bis drei Jahre lang in eine öffentlich geförderte Beschäftigung zu schicken. Langzeitarbeitslose sollen demnach Betrieben, als zusätzliche kostenlose Kraft angeboten werden. „Dort können sie als eine Art Handlanger den Arbeitsprozess in Firmen unterstützen“, sagt von Einem. Ein weiterer Vorschlag sieht vor, sie in der Stadtteilverschönerung einzusetzen.“ Quelle

Das sind die Arbeitsplätze, mit denen ehemals auch Menschen mit Behinderungen ihr geringes Einkommen bestreiten konnten. Ist es da nicht besser, für ein bisschen Taschengeld und Rentenansprüche in einer WfbM auszuharren, als nach langer Arbeitslosigkeit gar nichts mehr für seine Tätigkeit zu bekommen?

Das interessiert merkwürdigerweise kaum jemanden, es sei denn, er ist selbst oder jemand im nähren Beziehungsumfeld ist davon betroffen.

Dabei sind es doch die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätigen Steurerzahler*innen, welche die Privatwirtschaft auf diese Weise subventionieren. Verstehe das, wer will.

Nachreifen

Die persönliche Entscheidung ist meist schwierig. Zu Hause rum hängen ist keine Alternative. Nach monatelanger Demoralisierung ist eine Ausbildung oder ein Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oft weniger denkbar als vor Beginn der unpassenden Maßnahme.

Wir sind kein Einzelfall.
Ich schreibe wir, weil ganze Familien unter diesem sich selbst erhaltenden Ausgrenzungs-System leiden.
Unsere Kinder, weil sie keinen angemessen Platz auf dieser Welt finden.
Wir Eltern, die hilflos die Ausgrenzung unserer Kinder mit ansehen müssen.

Wer über finanzielle Mittel (und Zeit) verfügt, kann seinem Kind möglicherweise mit privaten Weiterbildungskursen, zeitintensiven Hobbies nebst Equipment, Urlaubsreisen usw. eine gewisse  Zeit des Nachreifens versüßen, vielleicht sogar den Start in die Selbständigkeit ermöglichen.

Wunsch frei

Hätte ich den, würde ich in ein kleines nettes Touristen-Kaff ziehen, dort ein kleines Lädchen mit allerlei Schnick-Schnack à la DIY aufmachen, Teenie könnte sich kreativ austoben und den Deko-liebenden Damen das eine oder andere Teil aufschwatzen. Ihr Hund, den sie dann endlich haben könnte würde sie immer begleiten. Zum nächsten Reiterhof wäre es nicht weit. Irgendwann hätte Teenie vielleicht Lust auf einen neuen Anlauf. Den müssten wir dann natürlich privat bezahlen, denn das Mahlwerk der staatlicher Reglementierung würden wir fortan meiden.
Ich könnte mein Rheuma pflegen, im Bistro des Lädchens Kaffeespezialitäten und Portweine kredenzen und mich in die gemeinnützige Arbeit stürzen.
Finanziert würde das Ganze von meinem/meiner (noch zu findenden) vermögenden Gatten/Gattin, die/der die Verluste des Ladens steuerlich absetzten könnte.

Wer weiß?

Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.
Hermann Hesse

 

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3 Kommentare

Von wegen Teilhabe

Ich habe hier des Öfteren über den Irrsinn, eine Diagnose als Voraussetzung für Hilfemaßnahmen für ADHSler, Autisten und andere Menschen, die kein reibungsloses Rädchen im kapitalistischen Getriebe sind, geblogt. hier , hier und hier 

Oft habe ich auch schon darüber geschrieben, dass wir mit viel Mühe, Verständnis, Kreativität und Forschergeist immer wieder Lösungen gefunden haben, die zumindest eine gewisse Lebensqualität ermöglichen und uns den Spaß am Leben grundsätzlich nicht verderben. Dazu hier und hier

Stimmen die Rahmenbedingungen, erleben wir immer wieder Zeiten, in denen alles einigermaßen reibungslos läuft. Vor allem von außen betrachtet. Diese Rahmenbedingungen sind aber meistens starr, wachsen nicht mit.
Beispiel gefällig?
Eine zunächst äußerst stärkende und motivierende Tätigkeit unterfordert auf lange Sicht, überfordert aber zugleich durch äußere Störfaktoren wie Instabilität des Gruppengefüges und damit Tagesablaufs/Arbeitsalltags.
Oder der nächste Entwicklungsschritt raus ins Erwachsenenleben war eine Nummer zu groß und es muss wieder einen Gang runter geschaltet werden.
Aber wohin?

Sollte eigentlich kein großes Problem sein.
Passgenaue Unterstützung kann helfen und weiter gehts.

Träum weiter, liebe LeidenschaftlichWidersynnig.

Nein, nun geht der ganze Spaß wieder von vorn los.
Grundsätzlich sieht sogar die Bundesanstalt für Arbeit ( BA ) , dass Unterstützungsbedarf besteht.
Selbstverständlich müssen dafür Diagnosen her, dazu habe ich mich hier schon ausgelassen.
Klar, der ärztliche Dienst der BA wird dann auch noch einmal bemüht, die Diagnose könnte ja unzutreffend sein.
Macht doch nichts, wenn ein junger Mensch, der sich gerade damit abfinden muss, es nicht allein zu schaffen, jetzt auch noch mal hier und da vorgeführt wird, inklusive Demonstration seiner Defizite in Großformat.
Macht doch nichts, wenn die Mutter, die versucht, trotzdem Mut zu machen obwohl sie darum ringt, den eigenen nicht zu verlieren, zum wiederholten Mal durch die Bürokratie turnen muss.
Macht auch nichts, dass das alles ewig dauert und in dieser Zeit ein junger und im Prinzip motivierter Mensch ohne sichtbare Perspektive gelassen wird.

Was kostet die Welt?

Teenie will flügge werden.
Will raus in die Welt.
Möchte dabei Unterstützung.
Ist bereit, die Kröte “ ich bin behindert“ zu schlucken.
Hauptsache, es geht endlich los.

Niemand der professionellen Unterstützer fragt: was ist deine Idee?
Was brauchst du dazu?

Statt dessen darf Teenie X mal schildern , was sie alles nicht kann, was alles Probleme macht, wird vorgeführt und durchleuchtet und die ganze Familie gleich mit.
Weil die Teilhabe möglichst wenig kosten soll.
Weil eine schlechte, kostengünstige Unterstützung wie Berufsorientierungs-Warteschleifen Alibi genug sind, den sogenannten Anspruch auf Teilhabe an der Arbeitswelt abzufrühstücken.

Denkste Puppe.
Widersynnig wäre nicht Leidenschaftlich wenn sie das hinnähme.
Und Teenie nicht mein Ableger, wenn sie da nicht eigene Vorstellungen zu hätte.

Zu gerne hätte ich weiter über unser Leben mit neurologischer Sonderformatierung geplaudert, ohne diese ständig zum Thema zu machen.
Weil sie NICHT unser Dauerthema ist.

Daraus wird wohl nichts.
Die nächste Runde ist eröffnet.

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B-wort und auch-Diskussion

Gestern hörte ich sie wieder, die Frage, die mich jedes Mal in einen emotionalen Strudel von Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Zweifel stürzt.
Was ich mir selbstverständlich nicht anmerken lasse, höre ich sie doch seit vielen Jahren.
Immer dann, wenn die Welt draußen meinem Teenie klar macht: du gehörst nicht richtig zu uns.

Ein “ Lückenkind „, das weder in die Schule passte, noch zu den Schulabbrechern mit überwiegend sozialen Schwierigkeiten gehört und nun dennoch in deren Mitte versucht, für sich einen Weg zu finden.
Das in einer Musikgruppe spielt, in der nur Gymnasiasten sind, die neben der Schule auch noch Kraft für Einzelunterricht , Auftritte und andere Hobbys haben. Belastbar eben.
Das nicht in einem Schonbereich leben möchte und doch in der Welt der Neurotypischen Menschen immer wieder an (seine) Grenzen stößt.

Mum, hättest du lieber ein anderes Kind gewollt?

Ja, Pubertät ist für diese Art Fragen typisch, meist jedoch als Vorwurf an die elterliche Instanz gerichtet: ihr hättet wohl lieber so ein braves Vorzeigekind bekommen …usw.
Wenn’s nur Pubertãt wäre, hätte diese bei uns schon im 4. Lebensjahr begonnen.

In ihrer Frage kein Hauch von Vorwurf.
Unsicherheit, ganz tief.
Wieviel elterliche Liebe und Akzeptanz braucht mein Kind, um sich unserer/ meiner sicher zu sein?
Darin verborgen auch Tennies Wunsch, eine Andere zu sein, nicht besonders…. und doch wieder nicht.
In diesen Momenten, wenn Teenie stinkwütend nach Hause kommt, verzweifelt an sich und an diesem vertrackten Leben, das sie nicht dort hereinlässt, wo die anderen sind, bleibt uns nur das Bündnis gegen Konventionen, die nicht richtig sind, gegen Maßstäbe, die nicht die unseren sind und wenn wir es schaffen : der Blick auf Fähigkeiten, von denen all die Menschen, die diese Maßstäbe aufstellen, da draußen noch nicht einmal ahnen, dass man sie haben kann.

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Während Teenie schon längst über den akuten Frust hinweg ist und sich den schönen Seiten des Lebens zuwendet – chillen bis der Arzt kommt – bin ich immer noch mit dem Unverdaulichen beschäftigt.

Meine Elterni schickt einen Artikel aus Die Zeit herum.

Dass es dich gibt
…..Das Wort »Behinderung« nehmen wir lange nicht in den Mund. »Das B-Wort«, sagt mein Mann. Als brächte es Unglück, es auszusprechen…..

Er kommt gerade richtig, auch wenn wir eine nicht sichtbare – und viel mildere – Thematik haben. Dennoch erkenne ich mich in Vielem wieder.

Um wie viel diffiziler die Problematik bei Beeinträchtigungen, die nicht sichtbar sind, ist, zeigt eine Diskussion um das kleine Wörtchen „auch“ im Blog aspergerfrauen.

„Du fährst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil du die vielen Menschen und das Gedränge nicht ertragen kannst? Ich mag das auch nicht und muss trotzdem jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit fahren.“
Würde jemand zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Du fährst nicht mit dem Zug, weil es an der Haltestelle keinen Aufzug gibt? Ich mag es auch nicht, Treppen zu Fuß hinaufgehen und fahre trotzdem jeden Morgen von dieser Haltestelle aus zur Arbeit.“? Wohl kaum.

Neben vielen Verletzungen und des Gefühls, von niemandem verstanden zu werden, welches dieses Wörtchen uns oft gebracht hat, empfinden wir es heute doch eher als hilfreich.
Man kann Menschen leichter etwas klar machen, wenn man an ihr eigenes Empfinden anknüpft:
“ Stell dir vor, du hattest Fieber, bist nun ganz wackelig auf den Beinen, musst aber einkaufen gehen. Während dessen fragt dich jemand das große 1x1ab. Du versuchst natürlich, alles richtig zu beantworten. Wie geht es dir damit? “ – Und stell dir jetzt mal vor, dass es für dich fast jeden Tag den ganzen Tag so ist…..“
Nicht so schwer.
Auch …kann ein gutes Wort sein.

Ihr wisst sicherlich, was ich meinem Kind geantwortet habe.
Und es stimmt, aus tiefstem Herzen.

Was ich aber nicht gewollt habe, sind die in den beiden Quellen zum Ausdruck kommenden Rahmenbedingungen.
Teenie ist ein Kind dieser Zeit – mit ihren vielfältigen medizintechnischen Möglichkeiten, über die sie selbstverständlich liest und hört. Und sich Gedanken macht.

Das bringt einen ganz besonderen Zungenschlag in die Frage: hast du mich lieb so wie ich bin?

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Nix passiert II

Und noch einmal ungute Erinnerungen.
Ein Panorama-Beitrag aus dem Jahr 2010 fasst zusammen:


Unsere Bürgerschaft hat nach gescheiterter Schulreform nichts besseres zu tun, als “ 10 Jahre Schulfrieden“ zu garantieren. Für wen?

In Sachen Inklusion ist dieser Aufwand der “ Elite “ nicht nötig. Ihre Schulen sind sowieso nicht einbezogen. Die Stadtteilschule im feinen Blankenese ist dafür berühmt, Asperger-Autisten und andere “ Paradiesvögel“ wegzumobben.
Ist ja auch schon schlimm genug, dass der eigene Spross Schande über die Familie bringt und es nicht aufs Gymmi geschafft hat.

Erwähnenswert noch, dass sich beim Volksbegehren die Stadtteile, in denen überwiegend Menschen, deren Kinder aus den Gymmis rausgehalten werden sollen, nur ganz gering beteiligt haben.
Da schließt sich der Kreis, bzw. die Rechnung geht auf.

Aber sicher, ich hege Groll auf dieses ungerechte System, immer noch und immer wieder.

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Nix passiert

Unangenehme Erinnerungen beim Lesen des Artikels „Ich Arbeiterkind“ von Marco Maurer in Die Zeit.

Und die Genugtuung, “ es allen gezeigt zu haben“.

Über den Preis dafür reden hier nicht.

Und dabei bezog sich mein Arbeiterkind-Dasein eher auf die materiellen Verhältnisse und die Tasache, dass meine Eltern als Kinder bürgerlicher Familen durch Krieg und andere Umstände nicht den akademischen Weg einschlagen konnten oder wollten, quasi die schwarzen Schafe waren. Die „Bildungsferne“ war also im kulturellen Sinne nicht so extrem.
Wenngleich es eine massive Ablehnung aller akademischen Anwandlungen gab.
Man möchte nicht, dass die eigenen Kinder zum „Feind“ überlaufen.

Maurer: Heute, mehr als 20 Jahre später, sagt meine Mama, während sie an einer Zigarette zieht, sie habe sich damals machtlos gefühlt. Sie, die Volksschülerin und Friseurin, wagte es nicht, ihm, dem Akademiker, zu widersprechen.

Diese Erzählung deckt sich mit etlichen Studien zum deutschen Bildungssystem. Lehrerempfehlungen werden von Angehörigen einer bildungsfernen Schicht – dazu zählt meine Mama – meist hingenommen. Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt.

Bei meiner Mama dagegen genügten ein paar Worte des Lehrers, um den Zweifel an meiner Leistungsfähigkeit zu säen. Einen Zweifel, der mich jahrelang begleiten sollte.

Ich war damals elf. Nachdem meine Mutter mir von Herrn Prokschs Zukunftsprognose erzählt hatte, fragte ich mich: Was soll jetzt aus mir werden? Ein Ziegelklopfer? Wie Ali?….

…….Jeder junge Mensch will etwas aus seinem Leben machen. Jedes Kind hat Träume, Wünsche, Vorbilder. Wem aber mit zehn, zwölf Jahren gesagt wird, es komme für ihn nur die Hauptschule infrage, weil er für alles andere zu dumm sei, der hat nur eine Möglichkeit, seine Selbstachtung nicht zu verlieren: Er muss sich einreden, Bildung sei Unsinn, und sich andere Aufstiegsmodelle suchen.

……..»Am Anfang fehlte der Background, später während des Studiums kam die Unsicherheit hinzu, ob man überhaupt dazugehört«, sagt Volker, der Personaler. »Weder meine Familie noch ›das System‹ konnten mir aufzeigen, wie ich an mein Abi komme«, sagt Stefan, der ehemalige Hartz-IV-Empfänger. Ich sage, ich bin hier wegen Herrn Proksch und weil es nicht sein kann, dass Bildungsaufstieg vom Milieu der Eltern abhängt. Uns alle eint eine Erfahrung, die wir auf unserem Weg nach oben gemacht haben: »Das Geld war knapp« – der Satz fällt in Variationen immer wieder. mehr

Die Grundschulklasse meiner Tochter zählte 28 Kinder. Davon bekamen 5 ( ! ) eine Gymnasialempfehlung. Kinder mit Migrationshintergrund wie es schön und irreführend heißt, sogar jahrelang gute Schüler und Schülerinnen, nicht.
Alles dumme Kinder?
Mitnichten. „Sozio-kulturell benachteiligter“ Stadtteil.
Immer wieder erlebe ich, dass den Kids in der Stadtteilschule vor allem eins nahegebracht wird: ihr seid nicht zu Höherem berufen, findet euch damit ab.

In Hamburg wurde vor einigen Jahren eine lange überfällige Schulreform verhindert. Eine, die lediglich die Selektion 2 Schuljahre nach hinten schieben wollte, nicht etwa abschaffen. Selbst das war schon zu viel.

Chancengleichheit, Integration, Inklusion.
Auch heute noch Fehlanzeige in deutschen Landen.

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Ein Kommentar

Circumstances

„Was heißt es, schwarz zu sein in Großbritannien? Es heißt, dass du eigentlich einen unglaublich aufwendigen Kampf um Dinge führen musst, die für den größten Teil der Gesellschaft selbstverständlich sind: Wohnungssuche, Bildung, gewerkschaftliche Rechte usw. Es bedeutet, daß du, obwohl du in England geboren bist, für immer als Immigrant giltst. Es bedeutet, daß du in dieser Gesellschaft ganz unten bist und immerzu versuchst, mit den kolonialen Regeln zu brechen.“
( Linton Kwesi Johnson, lt. wikipedia zitiert nach George Lipsitz: Dangerous Crossroads. Hanibal 1999, S. 166 f.)

Auf den Punkt gebracht und nicht nur für GB gültig.

Mit 14 las ich “ Erwachen in Mississippi „, die Autobiographie von Anne Moody.
Ich las, wie sich dieses Mädchen und junge Frau alles erkämpfte, was Weißen, besonders Männern, selbstverständlich war. Wie sie für sich das Recht auf Bildung einforderte. Die sich und oft ihre Mutter finanziell über Wasser hielt.
Über die offene Ablehnung, der sie stand hielt.
Ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung.

Anne war meine Heldin und mein Vorbild.
Welche Bücher lesen unsere Kinder?

In den letzten Tagen habe ich LKJ wieder entdeckt.
Lange nicht gehört.
Sunny’s Lettah – hier passt für mich alles.
Der Text, die Sprache, die Musik.
Sicher, LKJ hat viele politischere Poems geschrieben.
Aber dies hier!

Wie viele ungeschriebene Briefe dieser Art mag es geben, in denen die Rede ist von Umständen, die
zu schlechten Noten
zum Klassen- oder Schulverweis
zur Schulabstinenz
in den Overload
die SSV
in den Knast
geführt haben, trotz bester Vorsätze und größtem Bemühen?
ADHSler und Autisten z.B. wissen, wovon die Rede ist.

Und wie viele Anne Moodys sind unter uns, unter unseren ( betroffenen ) Kindern, die jeden Tag auf der (Regel)schule für das selbstverständliche Recht auf Lernen und gegen Ausgrenzung kämpfen, immer wieder?

Integration und sogar Inklusion – noch immer blosse Denkmodelle und noch lange nicht in den Herzen verankert.

Für den einen mögen LKJ, Anne Moody und ADHS/ASS in einem Atemzug genannt unmöglich, politisch unkorrekt, oder zumindest weit hergeholt sein.

Für mich : verknüpfte rote Fäden der Gegenwehr und des Alltags.

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