leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


Hinterlasse einen Kommentar

Naiv

Der Blick von außen

Solange man sich noch irgendwie in der Welt, die sich als normal versteht, bewegt, erkennt man oft gar nicht, wie groß die Kluft zwischen den diversen Parallelwelten in unserer Gesellschaft wirklich noch ist.

Ich erinnere mich an meine querschnittsgelähmte Klassenkameradin, mit der ich die Oberstufe einer Gesamtschule besuchte. Die einzige behinderte Klassenkameradin übrigens während meines insgesamt 15 Jahre andauernden Schulbesuches, die ich hatte. Obwohl ich mit ihr befreundet war, hatte ich kein Bewusstsein davon, was für eine Ausnahme ich hier vor mir hatte.

Mein Studium finanzierte ich zum Teil durch die Ferien-Begleitung von Jugendlichen, organsiert vom örtlichen Spastiker-Verein. Viele Jugendliche waren schwer mehrfachbehindert und hätten eine 1:1 Betreuung gebraucht, andere waren lediglich körperbehindert und waren dort irgendwie für mein Empfinden fehl am Platze. Ich bekam eine Ahnung davon, was es heißt, als Gruppe im Eiscafé unwillkommen zu sein. Oder in der Disco. Das angestarrt werden. Ich empfand eine diffuse Abneigung gegen  diese Separierung , sah gleichzeitig die Erschöpfung der Eltern, spürte die eigene Überlastung, wenn ich versuchte bei 16-Stunden Schichten dennoch freundlich und zugewandt zu bleiben. Die Dimension des Daseins in der Parallelwelt behinderter Menschen wurde mir dennoch nicht wirklich deutlich. Es fühlte sich falsch an aber ich hatte keine Idee, wie es anders sein könnte. „Inklusion“ hätte ich damals für einen mir entfallenen Begriff aus dem verhassten Chemieunterricht gehalten.

Selber dran

Eine kleine Ahnung von der Tiefe der Gräben, die durch unsere Gesellschaft verlaufen, bekam ich, als ich einen Lebensgefährten hatte, dessen Vorfahren den Sklavenhändlern vergangener Tage durch die Lappen gingen und der somit keine westliche Sozialisation  zu bieten hatte. Auch wenn viele Freunde aufgeschossen waren, wir waren dennoch eine Ausnahme in meinem Freundeskreis, denn niemand sonst  hatte eine binationale Partnerschaft mit jemandem außerhalb unseres Kulturkreises. Noch nicht mal einfach nur gute Freunde. Außer vllt. den einen oder anderen Wissenschaftler, aber niemals jemanden, der hier einen von den miesen Jobs, die wir für Migranten bereit halten, machen muss. Mehr und mehr wechselte mein Umfeld. Meine alten Freunde besuchte ich meist allein.

Der nächste Bruch kam mit der Elternschaft. Das erleben wohl alle Eltern: auf einmal passt der alte Freundeskreis nicht mehr, man schließt sich anderen Familien mit Kindern an. Nach einiger Zeit passte für mich dann die Untergruppe „Alleinerziehend“.
Erst die letzte Gruppe basierte nicht nur auf kulturellen Gewohnheiten, sondern vor allem auf den unterschiedlichen Ressourcen, die uns zur Verfügung standen.

Einen weitaus größeren break aber brachte die unterschiedliche Entwicklung meines Kindes im Vergleich zu anderen Kindern. Noch lange nicht war von Behinderung die Rede, aber es passte so vieles nicht, wir mussten so viele Sonderlocken fahren. Die Menschen in unserem Freundeskreis, die ein ähnliches Leben wie wir hatten, wurden immer weniger. Aber noch war Regelschule angesagt und auch ich schaffte noch immer meinen normalen Arbeitsalltag. Irgendwie zumindest. Nur langsam deutete sich an, dass mit Diagnosen auch ein bestimmter Status verbunden ist, welcher über deine  Möglichkeiten zur Entwicklung und deine materiellen Ressourcen entscheidet. Ungefähr so groß und festgefahren wie zwischen Beamten und prekär Beschäftigten.

Entweder oder

Das Ende der Schulzeit bedeutete endlich das Ende von Mobbing und tägliche Reglementierung zum Normmenschen und noch wussten wir nicht, dass ein weit größeres Monster auf uns wartete: die Bundesagentur für Arbeit nebst Handlanger, die Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen bereit halten.
Entweder, du bringst dann dort den Beweis, dass du für den ersten Arbeitsmarkt taugst (und zwar egal ob dir der aufgestülpte Beruf auch liegt oder nicht), oder du bist raus. Aus der Statistik und aus der Unterstützung. Jeder, der sich da nicht problemlos einordnet, landet in der Werkstatt für Behinderte Menschen. Andere Behörde, anderes Budget. Mit never-come-back-Garantie.
Wenn du an diesem Graben stehst, kannst du dich nur noch entscheiden: keine Unterstützung und irgendwie allein klar kommen, auch wenn das im konkreten Fall bedeutet gar nichts zu machen oder als abeitnehmerähnlicher Beschäftigter für ein kleines Taschengeld langweilige Tätigkeiten unter Bevormundung auszuführen: zum Wohle der immer größer werdenden Wohlfahrtsunternehmen.

Unerwähnt soll hier nicht bleiben, dass einer der größten Gräben, der durch unsere Gesellschaft verläuft, die Spaltung zwischen Arm und Reich, sich auch hier niederschlägt. Mit einer vermögenden Familie im Rücken hat man auch als behinderter Mensch eher  Zugang zu guten Unterstützungsmöglichkeiten und wird vor allem nicht der demütigenden Behördenwillkür ausgesetzt.

Schön geredet

Ich dachte früher so wie die meisten Menschen: da muss es doch irgend etwas passendes geben. Im Sozialstaat. Mit den vielfältigen Anbietern sozialer Leistungen. Den vielen Konzepten. Und ja, auch engagierten Menschen, die wirklich unterstützen wollen. Ich kann es niemandem verübeln, wenn er denkt, wir hätten uns einfach nur nicht genug informiert, noch nicht genug ausprobiert. Auch wenn es nervt und manchmal auch verletzt.
Auch ich hätte niemals gedacht, wie einfach sich unser Staat das macht, das Aussortieren. Da hat sich nicht besonders viel getan in den letzten 40 Jahren. Nur, dass es jetzt netter verpackt daher kommt: es ist die Rede von Rechten statt Fürsorge, von Inklusion statt Aussonderung und von Selbst-statt Fremdbestimmung.  Auch wenn Heimeinweisung heute Wohnen im stationären Bereich heißt, die Krücke Gehhilfe, Menschen wie Autisten zu Personen mit besonderen Fähigkeiten werden, Gehörlose zu Experten für Gebärdensprache usw. Schaut man genau hin, halten diese angeblichen Veränderungen der Realität nicht stand. Noch immer wird für Menschen mit Behinderungen gegen ihren Willen entschieden, müssen sie ihre Rechte immer wieder in langwierigen Verfahren  mühselig  durchsetzen. Greenwashing im sozialen Bereich ist angesagt: verbale politisch korrekte Schönrednerei.

Sogar als Betroffene bin ich immer wieder erstaunt, wie undurchdringlich und gerade die Linie ist, die zwischen voll arbeitsfähig und nicht arbeitsfähig gezogen wird. Es nichts dazwischen gibt. Weiterbildung für nicht voll arbeitsfähige junge Menschen z:B. nicht angeboten wird. Wozu auch ? Raus ist raus. Egal ob jung oder alt.

Advertisements


3 Kommentare

Von wegen Teilhabe

Ich habe hier des Öfteren über den Irrsinn, eine Diagnose als Voraussetzung für Hilfemaßnahmen für ADHSler, Autisten und andere Menschen, die kein reibungsloses Rädchen im kapitalistischen Getriebe sind, geblogt. hier , hier und hier 

Oft habe ich auch schon darüber geschrieben, dass wir mit viel Mühe, Verständnis, Kreativität und Forschergeist immer wieder Lösungen gefunden haben, die zumindest eine gewisse Lebensqualität ermöglichen und uns den Spaß am Leben grundsätzlich nicht verderben. Dazu hier und hier

Stimmen die Rahmenbedingungen, erleben wir immer wieder Zeiten, in denen alles einigermaßen reibungslos läuft. Vor allem von außen betrachtet. Diese Rahmenbedingungen sind aber meistens starr, wachsen nicht mit.
Beispiel gefällig?
Eine zunächst äußerst stärkende und motivierende Tätigkeit unterfordert auf lange Sicht, überfordert aber zugleich durch äußere Störfaktoren wie Instabilität des Gruppengefüges und damit Tagesablaufs/Arbeitsalltags.
Oder der nächste Entwicklungsschritt raus ins Erwachsenenleben war eine Nummer zu groß und es muss wieder einen Gang runter geschaltet werden.
Aber wohin?

Sollte eigentlich kein großes Problem sein.
Passgenaue Unterstützung kann helfen und weiter gehts.

Träum weiter, liebe LeidenschaftlichWidersynnig.

Nein, nun geht der ganze Spaß wieder von vorn los.
Grundsätzlich sieht sogar die Bundesanstalt für Arbeit ( BA ) , dass Unterstützungsbedarf besteht.
Selbstverständlich müssen dafür Diagnosen her, dazu habe ich mich hier schon ausgelassen.
Klar, der ärztliche Dienst der BA wird dann auch noch einmal bemüht, die Diagnose könnte ja unzutreffend sein.
Macht doch nichts, wenn ein junger Mensch, der sich gerade damit abfinden muss, es nicht allein zu schaffen, jetzt auch noch mal hier und da vorgeführt wird, inklusive Demonstration seiner Defizite in Großformat.
Macht doch nichts, wenn die Mutter, die versucht, trotzdem Mut zu machen obwohl sie darum ringt, den eigenen nicht zu verlieren, zum wiederholten Mal durch die Bürokratie turnen muss.
Macht auch nichts, dass das alles ewig dauert und in dieser Zeit ein junger und im Prinzip motivierter Mensch ohne sichtbare Perspektive gelassen wird.

Was kostet die Welt?

Teenie will flügge werden.
Will raus in die Welt.
Möchte dabei Unterstützung.
Ist bereit, die Kröte “ ich bin behindert“ zu schlucken.
Hauptsache, es geht endlich los.

Niemand der professionellen Unterstützer fragt: was ist deine Idee?
Was brauchst du dazu?

Statt dessen darf Teenie X mal schildern , was sie alles nicht kann, was alles Probleme macht, wird vorgeführt und durchleuchtet und die ganze Familie gleich mit.
Weil die Teilhabe möglichst wenig kosten soll.
Weil eine schlechte, kostengünstige Unterstützung wie Berufsorientierungs-Warteschleifen Alibi genug sind, den sogenannten Anspruch auf Teilhabe an der Arbeitswelt abzufrühstücken.

Denkste Puppe.
Widersynnig wäre nicht Leidenschaftlich wenn sie das hinnähme.
Und Teenie nicht mein Ableger, wenn sie da nicht eigene Vorstellungen zu hätte.

Zu gerne hätte ich weiter über unser Leben mit neurologischer Sonderformatierung geplaudert, ohne diese ständig zum Thema zu machen.
Weil sie NICHT unser Dauerthema ist.

Daraus wird wohl nichts.
Die nächste Runde ist eröffnet.

DSC_0455

Ich freue mich über Feedback und gute Ideen. Wie immer keine Registrierung nötig.


6 Kommentare

Hinschauen

Als es an die Tür klopft, ruft sie: „Herein!“ Vor ihr steht Alima Kiwanika in weißem Kittel, weißer Hose und weißen Schuhen. „Nein, nein, nein!“ Rosa Kaiser sitzt aufrecht im Bett. „Von einer Schwarzen lasse ich mir nicht den Rücken waschen! Fass mich nicht an!“ Alima Kiwanika macht einen Schritt zurück, geht hinaus und schließt für einen Moment die Augen.

Was die KONTEXT Wochenzeitung hier in ihrem Artikel „Gepflegter Rassismus“ beschreibt, wird auch viele der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die es aus bekannten Gründen nicht zur Hochschulreife bringen, treffen.
Die Berufsempfehlung: „geh‘ doch in die Altenpflege“ wird häufig vorgenommen, angesichts der demographischen Situation in Deutschland. Nicht jede(r) möchte in’s Büro, nicht jede(r) in Handwerk und Industrie und mit Kindern kann auch nicht jede(r).
Außerdem scheint die Pflegebranche zumindest eine Zukunft zu haben.

Schlimm genug, dass es noch immer viele Menschen mit rassistischen Einstellungen gibt.
Skandalös jedoch, dass sich weder Arbeitgeber noch Kolleg_innen dazu berufen fühlen, die von rassistischen Übergriffen getroffenen Kolleg_innen/ Mitarbeiter_innen zu schützen und zu unterstützen.

Sollte Inklusion jemals auch im Berufsleben greifen, ist ähnliches ebenfalls denkbar, wenn Menschen mit Behinderung vermehrt in der Pflege tätig wären.

Umdenken.
Hinsehen.
Thematisieren.
Unterstützen.

Das ist das Mindeste, das wir alle tun können.
Und – anders als beim tätlichen Übergriff – noch nicht einmal gefährlich.

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.


9 Kommentare

Wenn niemand Beine hätte, gäbe es keine Treppen …

Inklusive Arbeitswelt – mit Handicap voran lautete der Titel einer Fachtagung für betriebliche Interessenvertretungen Ende August zum Thema Inklusion in der Arbeitswelt.

Mit ca. 200 TeilnehmerInnen war die Tagung gut besucht.
Erfreulicher Weise neben den Schwerbehindertenvertretungen auch von etlichen Betriebs-und Personalräten.

Eröffnet wurde die Tagung mit markigen Worten: Inklusion sei ein Menschenrecht. Die Vorenthaltung der gesellschaftlichen Teilhabe Verfassungsbruch. Sie forderten zum Sturm gegen die Barrikaden in den Köpfen vieler Menschen, die Inklusion mit Illusion verwechseln, auf.

Wer noch nicht so im Thema war, wurde durch einen einführenden Vortrag über die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen ( UN-BRK ), einer entsprechenden Konkretisierung der Menschenrechte, schlau gemacht.

Inklusion über den Tellerrand gedacht.

Das Highligt des Tages aber kam aus einer Ecke, die ich eher nicht erwartet hatte:

Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin überzeugte nicht nur durch seine außergewöhnlich eloquente Vortragsart, sondern vor allem mit guten Argumenten.

20130915-005339.jpg
Das kleine Wörtchen „normal“ war ohne entsprechende Gestik von Lob-Hüdepohl nicht zu hören.

20130915-011607.jpg
Im Einklang mit dem Gebärdendolmetscher ….

In seinem Beitrag Von “ auch-“ zu “ nur- “ Kompetenzen stellte Prof. Lob-Hüdepohl dar, wie wichtig es ist, von der „Normalisierung“ von Menschen mit Behinderungen weg zu einer Haltung und eines Prozesses der Zulassung und Förderung von Vielfalt zu kommen.
Normalisierung sei letztlich nichts anderes als eine heimliche Defizitorientierung.

Er wies mehrfach darauf hin, dass es in diesem Prozess durchaus Interessenkonflikte geben könne. Personal-, Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen wissen, was er meint.

Diese zur verharmlosen oder zu vertuschen, nütze niemandem.

Gleiches gelte für den Umgang am Arbeitsplatz untereinander. Mit dem Begriff „fürsorgliche Belagerung“ (1) beschrieb er, wie gut gemeinte Hilfestellungen ins Gegenteil verkehrt werden.

„Ein Wegweiser soll nicht im Weg stehen“ – ein deutlicher Appell an alle, Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen, nicht zu bevormunden und echte, zufriedenstellende Lösungen zuzulassen/ zu suchen.

Inklusion ist kein Nischenthema

Inklusion geht nur gemeinsam.
Unsere Überlegung darf nicht sein: was geht nicht, wenn du so oder so bist, sondern: was geht und wie?

Nicht Menschen mit Behinderungen müssen sich anpassen. Gemeinsam müssen wir schauen, wie wir Dinge möglich machen, die wir uns kaum vorstellen können. Die Mauern in den Köpfen einreißen. Menschen mit Behinderungen sind nur eine von vielen Gruppen, die durch Inklusion zu gesellschaftlicher Teilhabe und Teilgabe kommen können.
Es geht eben nicht um „Normalisierung“ des Anders- ,sondern um Akzeptanz des Verschiedenartigen.
Diese Haltung kam ebenfalls in der Abschlussdiskussion zum Ausdruck, in der erfolgreiche Beispiele aus Hamburger Betrieben/Behörden geschildert wurden.

Alles in allem eine gelungene Tagung, wenn auch noch ein weiter Weg vor uns liegt.
Schön, dass Inklusion nicht immer nur im Zusammenhang mit Schule gesehen wird.

Wer die Vorträge von Ingrid Körner zur UN-Konvention und Prof.Dr. Lob-Hüdepohl nachlesen möchte, wird auf der Homepage der Beratungsstelle Handicap bei Arbeit und Leben DGB/VHS e. V. fündig.

(1) dieser Begriff gefällt mir wirklich gut. Lange Zeit haben wir ( leider erfolglos) versucht, Lehrern und Sozialpädagogen, die eigentlich ganz nett waren und meinem Kind helfen wollten, klar zu machen, dass ihre Art zu helfen eher störend war – weil sie letztlich nur Hilfe zur Anpassung war, mitleidsvoll und aufdringlich. Dementsprechend hat mein Kind diese Art von “ Hilfe“ auch nicht angenommen. Was wiederum zu Rat- und Hilflosigkeit der Pädagogen führte.

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zuschreiben, muss man nicht registriert sein.


2 Kommentare

Inklusion paradox II

Irgendwann ist Schule Historie und der Schritt in’s Arbeitsleben liegt an.
Berufsorientierung wird an den Schulen heute groß geschrieben, es gibt sogar Zertifikate dafür.
“ Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung“ , das dürfte nicht nur im hiesigen kleinen Stadtstaat so sein.
In der Praxis sieht das dann nicht immer so rosig aus, nachzulesen in meinem Beitrag Reality-Show Bewerbung.

In einer illustren Runde hochkarätiger Verwaltungsbeamter hatte ich kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, die Auswahlinstrumente für zukünftige Verwaltungsangestellte/beamte des mittleren Dienstes präsentiert zu bekommen.
Also für die jungen Menschen, die mit Realschulabschluss oder Abi direkt in die öffentliche Verwaltung wollen.
Für die Akademiker_innen gibt es andere Verfahren.

Nun ist es ja nicht so, dass man sich heutzutage einfach nur bewirbt. Viel zu einfach.
Zukünftige Versicherungssachbearbeiter_innen werden im Klettergarten auf Teamfähigkeit geprüft.
Ach, du würdest Dachdecker_in werden, wenn du schwindelfrei und sportlich wärst?

Also, warum sollte es im öffentlichen Dienst (ÖD) anders sein, immerhin werden diese Beschäftigten von unseren Steuergeldern bezahlt.
Damit nicht unnötig viel Zeit der bereits im ÖD befindlichen Menschen verplempert wird, können Schulabgänger_innen sich in einem self-Assessment selbst checken: C!You macht’s möglich.

Wir bieten Ihnen die Möglichkeit schon vor einer schriftlichen Bewerbung selbst zu prüfen, ob das Berufsbild der Allgemeinen Verwaltung Ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Erleben Sie uns spielerisch, interaktiv und anonym!

Wird in der ersten Runde noch gespielt, muss sich der/die selbst-gecheckte/r Kandidat_in im nächsten Schritt daran machen, eine Bewerbung zu schreiben.
Mit ein wenig Glück landet diese nicht bei den 50% für die Rundablage bestimmten.
Sondern es geht weiter zum Präsenz-Eignungstest.

Psychologische Eignungstestung

2 sehr kompetente junge Psychologinnen klärten die Beamtenrunde nebst mich darüber auf, was es damit auf sich hat. Natürlich keine Persönlichkeitstestung, es geht nur um Leistung. Alles streng nach DIN XYZ.
Soll jetzt alles elektronisch gemacht werden.
Das fänden die jungen Leute toll.
Und die Auswertung sei schneller. Mühsames Schablonen-Auflegen entfalle.
Das Ergebnis sei 4 Tage früher da. Was für eine Verbesserung.
Da wird die Privatwirtschaft aber staunen.

Wer sich im Test als geeignet zeigt, darf dann endlich ins Assessment.
Dort dann noch mal 3 Testblöcke in der Gruppe.

Selbstverständlich ist Chancengleichheit garantiert. Schwerbehinderte können sich vorab melden und bekommen ihrer Beeinträchtigung entsprechende Testbedingungen.

Wer all‘ diese Hürden geschafft hat, darf in’s Vorstellungsgespräch.
Ein echter Dialog, wie ging das nochmal?

Bestenauslese

Beste/r schon vor Ausbildungsbeginn.
Im Eignungstest sicher an der richtigen Stelle das Kreuzchen gemacht.
Nicht zu nervös gewesen.
Im Assessment sozialkompetente/r Tonangeber_in.
Oder gute/r Schauspieler_in.

Wird dieser Mensch seine Arbeit mit Hingabe machen? Wird er ein zuverlässiger Kollege sein?
Was bringt er besonderes ein, in’s Team?

Inklusion!
Tönt es in jeder Sonntagsrede unserer örtlichen Politiker_innen.
Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Verwaltung soll erhöht werden. Niemand verloren gehen.

Was ist mit den Menschen, die etwas Zeit brauchen, um in eine Aufgabe hineinzuwachsen?
Denen man die Möglichkeit geben muss, sich an der Aufgabe zu entwickeln?
Die in Tests schlecht abschneiden, in der Praxis aber überzeugen können?
Ohne anerkannte Schwerbehinderung, aber dennoch durch ein so dermaßen standardisiertes Auswahlverfahren ohne Chance sind?

Mit anderen Worten: jenseits der Norm?

20130907-223327.jpg

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.


17 Kommentare

Inklusion paradox I

Menschen, die ihre Umwelt anders erleben, bewegen sich in einer Gruppe, z.B. Schulklasse, anders als ihre Mitschüler_innen.

Hochsensible entziehen, zapplige bewegen sich, autistische erstarren. Sie halten sich die Ohren zu, geben den Klassenclown, sitzen unter dem Tisch, träumen sich weg, werden aggressiv.
Das alles erfolgt nicht absichtlich. Sie machen sich damit richtig, können auf diese Weise bei sich selbst bleiben.
Wer mit diesen Kindern zu tun hat weiß, dass sie oft selbst am meisten darunter leiden, den (schulischen) Ansprüchen an ihr Verhalten nicht gerecht zu werden.
Sie empfinden sich häufig als „nicht richtig“, schlecht und böse.
Sie sind traurig, dass sie die Lehrer_in\ Eltern immer so enttäuschen.
So sehr sie sich auch abmühen,nie gelingt ihnen angemessenes Verhalten wirklich, bzw. nur unter großer Anstrengung und nicht auf Dauer.

Wenn es in einer Schulklasse drunter und drüber zugeht, ist das für niemanden gut.
Am wenigsten für die kleinen „Andersweltler“ .

Wie also wird in Zeiten der Inklusion ein gutes Lernklima für alle Kinder hergestellt?

Vorsicht! Zeiträuber!

Du hast uns heute wertvolle Lernzeit gestohlen, indem du

> wiederholt den Unterricht gestört hast
> dich nicht schnell, leise und ordentlich aufgestellt hast
> nicht pünktlich in den Unterricht gekommen bist
> deine Hausaufgaben nicht vorzeigen konntest
> dich mit anderen Kindern gestritten hast
> nicht zugehört hast

Überlege dir bis morgen, wie du es wieder gut machen kannst!
Schreibe Deine Idee auf die Rückseite!

Diese netten kleinen, freundlich aufgemachten und doch vernichtenden Briefchen bekommen Erstklässler_innen hier vermehrt bereits nach 2 Schulwochen ausgehändigt.

Reicht es nicht, dass Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten sich als unfähig empfinden, müssen sie sich nun auch noch schuldig gegenüber der Gruppe fühlen?

Bin ich vielleicht zu kleinlich und das ist gar nicht so schlimm?
Ich zeige Teenie den Zettel.
“ Oh je, dann hätte ich mich ja von Anfang an als Schwerverbrecher fühlen müssen „, sagt eine,
die in 9 Schuljahren nicht 1 mal wegen Störung des Unterrichts gemahnt wurde.

Und ich mich erst !

20130904-233019.jpg

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.


2 Kommentare

Zeit des (raus)fliegens

Pubertät ist wenn die Eltern schwierig werden….. so oder ähnlich titeln Publikationen zum Thema.
Es geht um Konflikte zwischen den Generationen.
Um‘ s losziehen und loslassen.

Jugendliche brauchen das elterliche Unterstützungsnetz immer weniger und wollen es auch nicht mehr.
Eltern müssen damit klarkommen.
Umorientierungen der Kinder sind zu ertragen, ihre eigenen Vorstellungen vom Leben lösen die der Eltern ab.
Zurückweisung ist an der Tagesordnung.
Diese zu verdauen wird damit belohnt, sein Kind bestehen zu sehen.
Jugendliche sind labil aber stark und stapfen mit großen Schritten in’s Leben hinaus.
Alle?

Eltern von Kindern mit größerem Unterstützungsbedarf sind es gewöhnt, über Jahre nicht nur ihren Kindern ins Leben zu helfen, sondern gleichzeitig die separatistische Haltung unserer Gesellschaft auszugleichen.
Wir bringen unsere Kinder noch in den Sportverein, wenn Gleichaltrige schon längst allein dort klarkommen. Und sei es, um für unsere Kinder problematische Pausen oder Umkleidesituationen erträglicher zu machen.
Um unseren Kindern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, sind wir da.
Dort, wo sie uns brauchen. Je älter die Kids werden, desto seltener sehen wir die Eltern ihrer Kameraden.
Wir haben Problemlösungen parat, wo andere kein Problem sehen/haben.
Sind der doppelte Boden. Meist unsichtbar, wir wollen unsere Kids nicht bloßstellen.

Und dann kommt auch für uns die Zeit, in der unsere Unterstützung nicht mehr erwünscht ist.
Und deren Wegfall doch nicht in gleicher Weise wie für andere Jugendliche entbehrlich ist.
Richtungswechsel auf eigenen Wunsch, ein kleines Übel aus elterlicher Sicht.
Schulterzucken und ein “ schade um die Begabung “ ……und loslassen.

Die Karawane zieht weiter

Für unsere Kinder kommt nun vermehrt der Punkt, an dem sie ohne doppelten Boden nicht mehr mitmachen können, auch wenn sie wollen. Sie erkennen es selber, kämpfen ( erfolglos) dagegen an.
Oder es wird es ihnen zu verstehen gegeben.
Unsere Sport-Musik- und sonstwie- Vereine/Gruppen sind nicht inklusiv.
Je Jugendlicher desto Leistung.
Pokale, Preise, Auszeichnungen sind wichtig.
Wer dabei sein will, muss funktionieren. Auch da.

„Dann mach doch wo anders mit“ – tröstende Worte, von denen wir selbst wissen, dass es Beschönigen der Realität ist.
Wo denn?

Unseren Kindern wird nicht nur die Teilhabe, sondern auch die Teilgabe verwehrt.
All‘ die tollen Fähigkeiten, Stärken, Begabungen bleiben ungesehen und ohne Möglichkeit, in eine Gemeinschaft einzufließen.
Das macht es so bitter.
Vom individuellen Schmerz darüber will ich gar nicht erst anfangen…
Die Bedeutung der kleinen, (inklusiven ) Familienwelt nimmt für unsere Jugendlichen ab.
So soll es sein.

20130831-102534.jpg

Sie wird ersetzt durch …. nichts?

Ich freue mich über Feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.