leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


Hinterlasse einen Kommentar

Zweierlei Maß : Hilfsmittel Teil I

Man kann geteilter Meinung darüber sein, welche technischen Hilfsmittel in unserem Leben sinnvoll sind oder nicht. Wir nutzen sie alle mehr oder weniger, privat, beruflich und im öffentlichen Raum.

Auf den Kontext kommt es an

Die Nutzung des Navi beim Auto fahren, Apps für Fahrplan-Auskünfte und vieles mehr sind überwiegend akzeptiert und keiner kommt auf die Idee, Nutzer dieser Anwendungen für dumm zu halten. Bestenfalls für bequem.

Im unternehmerischen Kontext werden quasi alle Hilfsmittel positiv bewertet, welche die Produktivität steigern. Im gewerblichen Bereich haben sie vor allem für körperliche Entlastung gesorgt. Im Dienstleistungsbereich für Arbeitsverdichtung. Berufsbilder haben sich entsprechend verändert. Der Drang nach immer besseren technischen/digitalen Helfern entspricht der Gier nach immer mehr Profit. Nicht selten auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten und unserer Umwelt.

Wer sich z.B. in der Welt der Apps umschaut, kann auch sozial orientierte Entwicklungen entdecken. Zum Glück ist noch immer nicht ausschließlich Bereicherung Impuls und Ziel kreativen und innovativen Tuns. Dazu im Teil II mehr.

Sinnvoll hier…

Für die sogenannten „High-Performer“ , also Menschen (meist) mit akademischem Grad in (vermeintlich) verantwortungsvollen Positionen gibt es eine Vielzahl von digitalen Hilfsmitteln; sie alle dienen der Effizienzsteigerung und Optimierung der Arbeitsleistung. Selbstverständlich nicht nur im Büro, sondern  auch mobil und mit Reichweite in das Privatleben. Das Meeting dauert länger als geplant? Macht nichts, der Back Herd wird von unterwegs angeschaltet, ebenso die Heizung. Optimierungsziel ist nicht mehr nur die Teilleistung eines  Menschen, sondern sie erfolgt so umfassend wie möglich und durchzieht alle Lebensbereiche.
Jeder Herzschlag wird gezählt, gespeichert, ausgewertet. Zeit gespart, um mehr zu schaffen.
Wer on top sein will, macht mit.

Der Schriftsatz oder Arztbericht  muss noch fertig werden? Keine Panik. Auf der Heimfahrt vom Arbeitsplatz im Auto diktieren, danach das Diktat dank  Spracherkennungssoftware direkt vom PC in Text umwandeln lassen. Dann bleibt noch Zeit für Freizeit-Aktivitäten – damit die Work-Life-Balance stimmt.

Niemand würde auf die Idee kommen, dass beim Anwender dieser Hilfsmittel irgend ein  Defizit vorliegt, z.b. bei der Büro-Organisation oder gar eine Dyspraxie.
Es wird unterstellt, dass diese Menschen Wichtiges tun. Da ist es nur Recht und billig, dass sie digitale Hilfsmittel nutzen.

…unnötig da?

Es liegt auf der Hand, dass besonders Menschen mit einer behinderungsbedingten Einschränkung von der Entwicklung der digitalen Helfer profitieren können.

In den Bereichen Sehen, Hören und Körperbehinderung haben sich technische Hilfsmittel unterschiedliche Art etabliert. Sie bewilligt zu bekommen, ist dennoch nicht einfach.
Der Blindenführhund ist in Deutschland derzeit leider der einzige durch das SGB als Hilfsmittel anerkannte Assistenzhund. Eine begrüßenswerte Entschließung des Bundesrates will das ändern: hier

Aber zurück zur Technik: es gibt mittlerweile viele digitale Hilfsmittel, die Menschen mit Teilleistungsschwächen oder sensomotorischen Schwierigkeiten unterstützen könnten.

Nehmen wir mal die oben schon erwähnte Spracherkennung. Für Menschen, die nicht denken und tippen gleichzeitig können, die den Kopf so voller Ideen haben, dass sie ihre Gedanken nicht in die Tastatur hacken können, ehe der nächste Gedanke schon den Kopf füllt, die motorische Probleme haben, für Legastheniker oder die eine Lernbehinderung haben können damit Barrieren abgebaut werden. Und damit Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben ermöglicht werden. Sie sind auch für ADHSler und Autisten eine gute Hilfe bei entsprechendem Bedarf.

Weder reguläre Bildungsinstitutionen noch Bildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen halten solche Software vor ( ausgenommen Spezialeinrichtungen für Sehbehinderte und Gehörlose). Es gibt dort kein Personal , dass ihre Teilnehmer entsprechend schulen kann. Volkshochschulen bieten Schulungen für diese Zielgruppe nicht an.
Dass Beratungsstellen oder gar Kostenträger einen  „Kunden“ auf unterstützende digitale Anwendungen hinweisen, habe ich noch nie gehört.
Ämter finanzieren das x-te Bewerbungs-oder Kommunikationstraining, obwohl die o.g. Einschränkungen möglicherweise besser durch technische/digitale Hilfsmittel kompensiert werden könnten.

Wer sich traut, diese Hilfsmittel zu beantragen, stößt zwar zum Teil auf wohlwollende Neugier ( aha, das ist ja interessant, dem gehen wir mal nach….und dann folgt: nichts),   viel häufiger aber wird darauf verwiesen, dass man doch lieber an der Überwindung der Defizite arbeiten soll. Also üben, trainieren, oder sich abfinden.
Oft wird vom pädagogischen Personal der Ausbildungseinrichtungen auch gar nicht verstanden, wo das Problem liegt:

Wer die Lösung einer Aufgabe nicht verschriftlichen kann, weiß die Lösung nicht ….!?

So die gängige und meist einzige – oft unzutreffende – Schlussfolgerung.

Eventuell ist die Kenntnis bei den Beratern der Integrationsfachdienste größer.
Aber wer den Status des arbeitnehmerähnlichen Beschäftigten hat ( oder noch nicht in einem Arbeitsverhältnis steht), fällt nicht unter dessen Zuständigkeit. Er darf sich mit den Sachbearbeitern der Sozialversicherungsträger herum ärgern.
Deren  Ahnungslosigkeit über die vielfältigen Möglichkeiten ist in Deutschland groß. Die Sinnhaftigkeit wird bestritten. Auf das Budget verwiesen. Investieren in Menschen, die dann doch nicht zu den Top-Leistern aufsteigen widerspricht dem hiesigen Verständnis von Wirtschaftlichkeit.
Wie so oft tragen betroffene Familien dann selbst die Kosten, wenn sie können.

Irgendwo habe ich neulich den Begriff „Leistungsrassismus“ aufgeschnappt.
Er ist polemisch, ungenau und  gefällt mir dennoch.
Es ist mittlerweile wieder zu selbstverständlich, dass Würde und Lebensqualität an Leistung  (im Sinne von Arbeitsleistung) gekoppelt wird. Das Ignorieren und Verweigern von Hilfsmitteln zur Kompensation behinderungsbedingter Einschränkungen ist ein bitteres Bespiel dafür.

Ich freue mich über Feedback, wie immer ohne Registrierung möglich.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Dickes Brett

Über unsere kleine Initiative, geboren aus dem Frust über unzureichende und/oder unpassende Unterstützung unserer an der Schwelle zum Arbeitsleben stehenden Kinder haben wir es mit viel Engagement geschafft, sowohl bei der Bundesagentur für Arbeit als auch bei den regionalen Trägern von Maßnahmen zur beruflichen Ersteingliederung
(Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung, Integrationsfachdienst, Berufsbildungswerke) für diese Zielgruppe zu sensibilisieren.

Wie schaffen wir die besten Bedingungen für berufsfördernde Maßnahmen
für Menschen mit Autismus?

Gemeinsam mit dem Autismusinstitut haben wir, der Elternverein Autismus Hamburg e.V. eine Veranstaltung organisiert, zu der die nördlichen Berufsbildungswerke eingeladen waren. Das ist ja nicht ganz spannungsfrei, haben wir es hier doch mit Maßnahme Trägern zu tun, die im Wettbewerb stehen. Um die Sache nicht noch zu verkomplizieren, haben wir uns in der Vorbereitung deshalb dazu entschieden, erst einmal die Kostenträger nicht dazu zu holen, wenngleich von deren finanziellem Segen all die Konzepte abhängen. Ebenso nicht dabei waren die Träger von Maßnahmen, die in den Bereich Werkstatt für behinderte Menschen und das Hamburger Budget für Arbeit gehören. Wir wollten den ersten Aufschlag nicht mit Ansprüchen überfrachten und haben es hier ebenfalls mit sich ( zumindest in der Realität) ausschließenden ( sogen.)Eingliederungsmaßnahmen zu tun.

DSC_0376

Prof. Dr. Dalferth

Für den fachlichen Input sorgten Hajo Seng, autSocial e.V.  und Prof. Dr. Mathias Dalferth, Ostbayrische Technische Hochschule Regensburg. Beide beschäftigen sich schon lange mit diesem Themenfeld und haben vielfältige Veröffentlichungen dazu gemacht.

Erwerbsbiografien

Hajo Seng hat als Betroffener und auf Grundlage seiner langjährigen Arbeit von den oft langen und Umweg reichen Erwerbsbiografien von Autist*innen  berichtet. Deutlich wurde, dass die Zeit zwischen Pubertät bis oft zu dem 30. Lebensjahr besonders störanfällig und schwierig ist. Autist*innen müssen mit einer Folge von Misserfolgs Erlebnissen fertig werden, bis sie einen für sich geeigneten Platz im Erwerbsleben finden. Anhand von Schilderungen von Einzelfällen konnte er aber auch von unglaublichen Entwicklungen  – z.B. von der WfbM zum Studium – berichten. Sein Bericht machte deutlich, dass zu großer Leistungsdruck ebenso fatal sein kann wie die vorschnelle Meinung, jemand könne per se nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sein, weil er in die vorhandenen Unterstützungs-Konzepte nicht passt. Zur Vertiefung empfehlenswert das 2017 von Seng herausgegebene Buch Typisch untypisch-Berufsbiografien von Asperger-Autisten, Kohlhammer-Verlag.

Hürdenlauf ins Berufsleben

Darüber berichteten wir Eltern junger Autist*innen, die gerade in den bestehenden Maßnahmen gescheitert sind. Unsere Kinder sind keine Einzelfälle und auch wenn unsere Befragung zu Beginn des Jahres nicht repräsentativ ist, so lässt sich daraus ganz klar ableiten, dass das, was zz angeboten wird, unzulänglich ist.

Arbeitsmarktsituation

Prof. Dr. Dalferth gab anhand seiner wissenschaftlichen Erhebungen zur Situation auf dem Arbeitsmarkt einen guten Überblick darüber, wie die Maßnahmen für Autist*innen sich im Hinblick auf die Teilhabe am Arbeitsleben auswirken. Um das Ergebnis schon vorweg zu nehmen: die Zahlen waren erschreckend.

Aus dem gesamten autistisches Spektrum sind nur 5-12 % sozialversicherungspflichtig beruflich tätig, jedoch häufig nur kurzzeitig und ihre Tätigkeit bzw. ihr Einkommen entspricht i.d.R. nicht ihrem Fähigkeiten Profil.
Bei Hochfunktionalen Autist*innen/Asperger-Syndrom sind lediglich ca. 40 % beruflich tätig, es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit trotz guter Bildungsvoraussetzungen und anhaltender positiver Konjunkturentwicklung.

Die allgemeine Lebenssituation war entsprechend: international wohnen Erwachsene Menschen mit ASD bis etwa zum 30. Lebensjahr zu 85-70% zuhause bzw. in der Herkunftsfamilie, 70-30% sogar bis zum 50. Lebensjahr.
Von den erwachsene Menschen mit ASD leben in Deutschland 53% bis zu ihrem 45. Lebensjahr in der Herkunftsfamilie, von den Asperger Autist*innen/HFA/ Atyp. Autismus  sind es 52% .

Im weiteren schilderte Dalferth anhand der Auswertung von Projekten mit einzelnen Berufsbildungswerken, inwieweit die Maßnahmen dazu führten, Teilhabe am Arbeitsleben zu erreichen. Oder, was es dazu aus seiner Sicht noch braucht.

Ich denke, es war allen Anwesenden klar, welch enormen Entwicklung-und Handlungsbedarf es hier noch gibt.

World-Café

Der Nachmittag gehörte den Teilnehmenden aus den Berufsbildungswerken.
Die Frage des Berufseinstiegs wurde aus unterschiedlichen Blickwinkeln  (Erwartung der Betroffenen, Ziele für die Institution, aktuelle Handlungsebene) aufgeworfen.
Jede*r konnte sich einbringen und wurde mit jeder Perspektive konfrontiert.

Hier kamen viel guter Wille und viele gute Ideen gepaart mit vielen unklaren Vorstellungen darüber, was Menschen mit Autismus wirklich unterstützt, zusammen.
Der Handlungsbedarf wurde offensichtlich.

Fazit

Aus unserer Sicht war es eine gelungene Veranstaltung.
Es wurde deutlich, wie unzulänglich die Situation für junge Autist*innen – in allen Lebensbereichen – noch immer ist. Da Berufsbildungswerke auch Internatsunterbringung ermöglichen, sollte  das Augenmerk über die reine berufliche Eingliederung hinaus gehen. Hier stellen sicherlich die Kostenträger eine Barriere dar.

Besonders wichtig finde ich festzuhalten, dass hier Betroffene, Eltern der Betroffenen, Wissenschaft , Ausbilder*innen, Päd- und Psycholog*innen in den Austausch kamen.
Das ist leider kein Selbstgänger.

Ein kleiner Anfang ist gemacht.
Weitere Treffen wurden vereinbart.
Die Teilnahme von Autist*innen in dieser Runde ist ausdrücklich erwünscht.

…. und ganz persönlich?

Wenn ich auch manchmal nicht so Recht weiß, woher die Kraft für die bloße Alltagsbewältigung kommen soll – was sicherlich anderen Eltern oder Menschen aus dem Spektrum ebenso geht –  es lohnt sich doch, die eine oder andere Anstrengung auf sich zu nehmen um das Rädchen der Entwicklung ein Stückchen weiter zu drehen.

Ich hoffe, wir haben einen kleinen Stein ins Rollen gebracht.

Ich freue mich über Feedback, wie immer ohne Registrierung möglich.


Hinterlasse einen Kommentar

Abschmink-Maßnahme

Seitdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, ist viel Wasser die Elbe hinunter geflossen.

Oft sind wir hin gefallen, wieder aufgestanden und haben unsere Kronen gerichtet.
Und jedes Mal fällt die Aufrichtung schwerer und ist die Krone angekratzter.

Was als Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) deklariert ist, entpuppte sich als weiteres Instrument der Selektion. Jungen Menschen mit Behinderungen wurde wieder einmal mit überwiegend defizit-orientierter Haltung begegnet. Nett verpackt als Lernziel, sich mit seiner Behinderung auseinander zu setzen und seine beruflichen Ressourcen realistisch einzuschätzen.

Wege, wie Talente, Interessen und Stärken trotz Behinderung genutzt werden können, wurden nicht gesucht. Eine stark eingegrenzte Auswahl zwischen verschiedenen Berufsfeldern, unzureichende Kontakte zu betrieblichen Kooperationspartnern vor Ort und chronischer Personalmangel beim Maßnahme-Träger sind sicherlich weitere negative Komponenten.

An den Geschäftsführer der Bundesagentur, Herrn Scheele, richtete sich unserer Elternverein zum Jahresanfang mit den Worten:

Wir als Eltern erleben, wie unsere Kinder in diesen Maßnahmen scheitern, keine Anschlussperspektive erhalten oder selbst im Anschluss an eine erfolgreiche BvB keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden.
Das bestätigte auch eine Anfang 2017 von Autismus Hamburg e.V. und autSocial e.V. durchgeführte online-Befragung für Hamburg: für 40 % der Befragten, die eine Maßnahme begonnen haben, wurde diese vom Träger vorzeitig beendet. Im Anschluss an eine absolvierte Maßnahme haben 21,2 % eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden, 57,8 % haben nichts und 21,1 % sind in einer weiteren Maßnahme. Wir Eltern erleben im Gegensatz dazu über Jahre, unter welchen Rahmenbedingungen unsere Kinder leistungsfähig sind und ihre Potentiale entfalten können.

Unser Ziel: dafür sensibilisieren, dass AutistInnen nicht in eine 0815-Maßnahme gepackt werden können.

Ein anschließendes Gespräch mit der Regionalleitung und der örtlichen Leitung der Reha-Abteilung war zwar atmosphärisch recht angenehm, brachte aber im Ergebnis nichts als bittere Klarheit: die Bundesagentur sei die Behörde für Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt klar kämen. Die Maßnahmen, die Teilhabe zum Arbeitsleben (LTA) beinhalten, seien hinreichend. Man könne dafür nicht noch mehr Geld ausgeben.

Was für ein beschissener Job

Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen  und Ausbilder*innen in den Trägern dieser  Maßnahmen haben also die Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie setzen damit die Arbeit der Lehrer*innen an allgemeinbildenden Schulen fort.

Dabei sind das doch eigentlich helfende Berufe. Wie halten das diese Menschen eigentlich aus? Welche „Wahrheit“ legen sie sich zu Recht? Dass es Menschen mit Behinderung doch viel besser geht, wenn sie unter sich bleiben?  Dass sie ein selbst bestimmtes Leben gar nicht wollen?

Wie schaffen sie es, jungen AutistInnen mit Potenzial, aber möglicherweise noch ohne sogenannte Ausbildungsreife, ohne Gewissenbisse die Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu empfehlen? Auch Asperger AutistInnen, die keinen hohen Schulabschluss  haben, sind oft sehr gebildet und in einer WfbM intellektuell total unterfordert. Wie kann man ihnen die Lüge auftischen, dass sei für ihre Entwicklung am Besten und natürlich nicht für immer…?

Machen sie einen großen Bogen um Artikel wie diese, im März in Brand Eins online oder kürzlich in der taz erschienenen?

Teilnehmer*innen und Eltern werden angelogen, dass sich die Balken biegen. Der Prozentsatz der Menschen, die  eine Werkstattbeschäftigung hinter sich lassen, liegt noch nicht einmal bei 1 %.

Was ist das für eine verquere Logik, wenn Werkstätten für behinderte Menschen sich als Teil der Inklusion darstellen?

Natürlich ist mir klar, dass diese Berufsgruppen nichts empfehlen können, was in Deutschland gar nicht existiert.  Wie wäre es damit, sich diese Hilflosigkeit einzugestehen, wie damit, mit Teilnehmer*innen und Eltern ehrlich umzugehen und wie damit, sich für gute Lösungen zu engagieren?

UN-BRK: Deutschland,  6 – setzen

Im März 2015 beschäftigte sich der UN-BRK-Fachausschuss in Genf mit der Staatenprüfung Deutschlands und untersuchte, wie es hier um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtkonvention steht. Die Agentur 53° Nord befragte dazu Klaus Lachwitz, den Präsidenten von Inclusion International.

Interessant zu lesen, dass in England die WfbM geschlossen wurden. Dass es möglich ist, Wege zu gehen, die in Deutschland noch nicht einmal gedacht werden dürfen, ohne des Realitätsverlustes bezichtigt zu werden.

Auffallend im Interview, dass es immer um Menschen mit geistiger Behinderung geht, wenn von WfbM gesprochen wir. Auch in Deutschland wurden die WfbM für diesen Personenkreis konzipiert. Mittlerweile sind sie aber ein Auffangbecken für alle, die nicht funktionieren, wie der allgemeine Arbeitsmarkt ( sprich die privaten und öffentlichen Betriebe und den dahinter stehenden Eigentümern) es gerne hätte.

Was kommt noch?

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit Hr. Scheele hat sich nun ein weiteres Projekt ausgedacht. Arbeiten ohne jedes Entgelt für Langzeitarbeitslose in Betrieben der Privatwirtschaft.

„Das neue Konzept sieht vor, Menschen, die seit mindestens vier Jahren arbeitslos sind, zwei bis drei Jahre lang in eine öffentlich geförderte Beschäftigung zu schicken. Langzeitarbeitslose sollen demnach Betrieben, als zusätzliche kostenlose Kraft angeboten werden. „Dort können sie als eine Art Handlanger den Arbeitsprozess in Firmen unterstützen“, sagt von Einem. Ein weiterer Vorschlag sieht vor, sie in der Stadtteilverschönerung einzusetzen.“ Quelle

Das sind die Arbeitsplätze, mit denen ehemals auch Menschen mit Behinderungen ihr geringes Einkommen bestreiten konnten. Ist es da nicht besser, für ein bisschen Taschengeld und Rentenansprüche in einer WfbM auszuharren, als nach langer Arbeitslosigkeit gar nichts mehr für seine Tätigkeit zu bekommen?

Das interessiert merkwürdigerweise kaum jemanden, es sei denn, er ist selbst oder jemand im nähren Beziehungsumfeld ist davon betroffen.

Dabei sind es doch die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätigen Steurerzahler*innen, welche die Privatwirtschaft auf diese Weise subventionieren. Verstehe das, wer will.

Nachreifen

Die persönliche Entscheidung ist meist schwierig. Zu Hause rum hängen ist keine Alternative. Nach monatelanger Demoralisierung ist eine Ausbildung oder ein Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oft weniger denkbar als vor Beginn der unpassenden Maßnahme.

Wir sind kein Einzelfall.
Ich schreibe wir, weil ganze Familien unter diesem sich selbst erhaltenden Ausgrenzungs-System leiden.
Unsere Kinder, weil sie keinen angemessen Platz auf dieser Welt finden.
Wir Eltern, die hilflos die Ausgrenzung unserer Kinder mit ansehen müssen.

Wer über finanzielle Mittel (und Zeit) verfügt, kann seinem Kind möglicherweise mit privaten Weiterbildungskursen, zeitintensiven Hobbies nebst Equipment, Urlaubsreisen usw. eine gewisse  Zeit des Nachreifens versüßen, vielleicht sogar den Start in die Selbständigkeit ermöglichen.

Wunsch frei

Hätte ich den, würde ich in ein kleines nettes Touristen-Kaff ziehen, dort ein kleines Lädchen mit allerlei Schnick-Schnack à la DIY aufmachen, Teenie könnte sich kreativ austoben und den Deko-liebenden Damen das eine oder andere Teil aufschwatzen. Ihr Hund, den sie dann endlich haben könnte würde sie immer begleiten. Zum nächsten Reiterhof wäre es nicht weit. Irgendwann hätte Teenie vielleicht Lust auf einen neuen Anlauf. Den müssten wir dann natürlich privat bezahlen, denn das Mahlwerk der staatlicher Reglementierung würden wir fortan meiden.
Ich könnte mein Rheuma pflegen, im Bistro des Lädchens Kaffeespezialitäten und Portweine kredenzen und mich in die gemeinnützige Arbeit stürzen.
Finanziert würde das Ganze von meinem/meiner (noch zu findenden) vermögenden Gatten/Gattin, die/der die Verluste des Ladens steuerlich absetzten könnte.

Wer weiß?

Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.
Hermann Hesse

 

Ich freue mich über Feedback. Wie immer ohne Registrierung möglich.