leidenschaftlichwidersynnig

0815 geht gar nicht….oder einfache Lösungen für alle sind mir suspekt


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Never walk alone

Es  ist ein seltsames Gefühl für mich, am 1.Tag des Wonnemonats Mai um diese Zeit noch nicht unterwegs zu sein ( …blöde Gelenke). Geboten wird bestes Demo-Wetter. Zugegeben, in den letzten Jahren war da nicht mehr so viel los, es sei denn, es gab Veranstaltungen der autonomen Szene, was ja in meiner Stadt oft der Fall ist. Ach ja, und die Nazis, die waren auch öfter unterwegs und  wir hatten sogar 1 Mal Kirchentags-Mai-Demo-Durcheinander. Dieses  Mal bin ich nicht besonders informiert. Das Motto, die Route und all das.

1.5.1975
Bei Kundgebungen und Demonstrationen zum Tag der Arbeit stehen in der Bundesrepublik Deutschland die Sorge um die Arbeitsplätze, die Mitbestimmung und die innere Sicherheit im Vordergrund.

In dem Jahr mischte ich mich zum ersten Mal unter den Teil der arbeitenden Bevölkerung, der Forderungen hatte und diese auf die Straße brachte. Damals fühle ich mich noch fremd unter all den Menschen und  gleichzeitig fühlte es sich richtig an. So richtig richtig. Außer meiner älteren Schwester ging da keiner meiner Familie  hin. Aber die lebte ja auch in einer Kommune und war andauernd auf Demos. Später waren auch meine jüngeren Geschwister mit von der Partie. Meine Eltern betrachteten das mit gemischten Gefühlen: politische Aktivität war ihnen suspekt. Wie kam es nur, dass alle ihre Kinder das so ganz anders sahen? An dieser Stelle: ein Dankeschön an  die 68´er .

Simple

Gut war: ich konnte da einfach hingehen. Musste mich vorher nicht mit irgendwem vernetzen, keiner Gruppe angehören und  obwohl ich noch nicht allzu viel von Politik und Wirtschaft verstand, war ich bis auf das Ding mit der inneren Sicherheit ( für jüngere: es ging auf den heißen Herbst zu und die RAF wurde vorgeschoben, um Gesetze für alle zu verschärfen). Arbeitsplätze und Mitbestimmung waren ok.

So naiv wie ich damals denkt heute wohl kein junger Mensch mehr. Für mich war klar: ich würde in Zukunft zu denen gehören, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssten. Also musste ich Gewerkschaftsmitglied werden, auch wenn ich nicht alles gut ( nicht weitgehend genug) fand, was die vertrat. Das Kapital war schließlich auch organisiert. Über sowas diskutierten wir uns die Köpfe heiß.
Ich war weit davon entfernt, alle „Leistungen“ der Gewerkschaft mit individuellen Vorteilen aufzurechnen.  Mir ging das damals wirklich um ein sich verbünden.

Diese Verbindung dauert noch an, mal mit mehr und mal mit weniger Bauchschmerzen.
Es ist offensichtlich, dass die heutigen Mai-Demos/Kundgebungen ein Auslaufmodell sind. Und das nicht erst seit heute.

Was kommt wenn dies geht?

Mit wem verbünden sich die Menschen, die in Zukunft ihre Arbeitskraft verkaufen ?
Von zu Hause aus, als Freelancer*innen, moderne Tagelöhner*innen, Zeitarbeiter*innen….anderweitig prekär beschäftigt?
Die Zukunft der Arbeit sieht wohl eher so aus, dass vor Ort in den Fabriken und Unternehmen immer weniger Menschen gebraucht und anwesend sein müssen. Gleichzeitig wird die heilige Kuh Arbeitszeitsenkung ( mit Lohnausgleich) nicht von den Gewerkschaften und erst Recht nicht vom Kapital  angefasst. Die Frage, wie und wovon all die Menschen leben sollen, die nicht zu den wenigen gehören werden, die ein regelmäßiges Einkommen haben ( auch über Jahre, nicht nur einige Monate) steht im Raum.

Welche Hürden?

Wie niedrigschwellig sind heutige Formen des Zusammenschlusses?  Können auch Menschen mit wenig Bildung daran teilnehmen? Die, die kein Geld für digitales Equipment haben? Wie verbindlich sind diese Zusammenschlüsse? Taugen sie dazu, Sicherheit in der Gegenwehr zu vermitteln? Welche Rituale, auf die sich Gleichgesinnte beziehen können, entwickeln sie? Sind sie geeignet, stabilisierende Tradition zu werden?
Wer kann mitmachen und wer wird abgehängt?

Mein Ü50-Gehirn lässt sich durchaus auf die Nutzung der sozialen Medien ein, beruflich und privat bin ich in so einigen digitalen Netzwerken unterwegs. Das ist praktisch und ich möchte es nicht mehr missen. Je nach Intensität der  Nutzung des Netzwerkes entwickeln sich auch Beziehungen zu anderen Teilnehmer*innen.

Aber für mich fehlt da dennoch was.
Menschen zum anfassen.
Die, mit denen ich mich im Zweifel unterhake, wenn alleine gehen zu mühselig oder riskant wird.

Ich freue mich über feedback. Um einen Kommentar zu schreiben, muss man nicht registriert sein.

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7 Kommentare

VIP

Meine Güte, bin ich aufgeregt ! Heute darf ich vielleicht mit dem Teamleiter der für uns zuständigen Reha-Fachabteilung der Bundesagentur für Arbeit ( BA ) reden….*zappel, freu, herzklopf*

Ihr fragt euch, was daran so Besonderes ist?
Also, dieser Mensch redet nicht mit jedem. Man kann ihn auch nicht einfach anrufen. Auch seine Mitarbeiter_innen nicht, von denen ich immerhin den Namen weiß – seinen nicht.
Ich kann den Mitarbeiter_innen mails schicken, die vermutlich in der virtuellen Ablage P landen und ’niemals nicht‘ beantwortet werden.Wenn ich dann ganz genervt bin kann ich bei der Hotline mit der Nr. 0800 xxxx anrufen:
…nein, ich habe keine Fragen zu ALG II, möchte auch nicht online mein Anliegen in FAQ’s nachschlagen….ich gebe brav die 8 ein, höre etwas Musik und dann habe ich einen echten Menschen an der Strippe.

Fühl dich verstanden…

Die Mitarbeiterin von letztem Freitag war sehr nett und kompetent. Sie konnte mir schnell, freundlich und konkret sagen, dass bis jetzt niemand , weder die Reha- Beraterin noch der ärztliche Dienst irgend etwas bearbeitet haben. Ja, alle Unterlegen seien eingegangen und ganz zu Anfang ( Ende letzten Jahres) hätte  ich ja auch schon mal eine mail mit allgemeinen Erläuterungen bekommen – die hätte ich doch, oder?
Während ich noch darüber sinniere, ob diese freundliche Stimme zu einer ausgebildeten Verwaltungsfachkraft oder eher zu einer guten Call Center Agent, die professionell zur Zufriedenheit jeglicher Kunden Auskünfte über Dienstleistungen welcher Art auch immer geben kann, solange sie einen Rechner mit einer vernünftigen kundenorientierten Anwendung und ein funktionierendes Headset hat, bestätige ich den Eingang dieser mail und gleichfalls die Kenntnisnahme deren Inhalts nebst inhaltlicher Durchdringung.
Einen Wunsch frei
Agent Gute-Fee offeriert mir, meinen Rückrufwunsch entgegen zu nehmen.
Das bedeute, dass sich binnen 48 h die zuständige Sachbearbeiterin bei mir melden müsse.
Deadline Dienstag 13 h.
Wenn bis dahin kein Anruf erfolgt sei, solle ich mich noch mal bei der Hotline melden. Aber das könne eigentlich gar nicht passieren.
Ich gebe mich handzahm, stimme zu, übe mich in radikaler Akzeptanz und trage fortan mein Handy rund um die Uhr bei mir.
Diese Chance will ich nicht verpassen.
Hinterhältig I
Nun bin ich ja ein eher ungeduldiger Geist und so habe ich hinter dem Rücken der zur Rückrufwunscherfüllung bereiten zuständigen Sachbearbeiterin des Reha-Fachdienstes schon mal mit dem bbw klargemacht, dass Teenie noch in diesem Frühjahr dort eine Arbeitserprobung machen kann und es bei Eignung im Herbst mit der Ausbildung los geht.
Das ist gemein, denn die BA möchte ja nicht so viel Geld ausgeben und denkt eher an eine Berufsorientierungs- Warteschleifen-Nummer zur Bereinigung der Abeitslosenstatistik mit Spekulation auf anschließenden wundersamen Wegfall der anspruchsbegründenden  Einschränkung bei Teenie nach Ablauf dieses Demotivierungs-Trainings.
Selbstverständlich geht eine entsprechende Info-mail mit konkerter Berufsplanung nebst zeitnaher mail- Kontaktaufforderung an die BA raus ( Ablage P? ) und ich kann es mir nicht verkneifen, auf die Existenz des Rechtswegs hinzuweisen.
Pervers?
Vor gefühlten 100 Jahren gehörte ich noch zu den Fliegenbeinzähler_innen, den Menschen, die systematisch anderen das Wort im Mund umdrehen und sich in der Kunst der Subsumtion aalen.
Besonderes Highlight dieser Daseinsform war das Lesen von Bleiwüsten in Fachzeitschriften und Kommentierungen zu den abstrusesten Gesetzen.
Damit habe ich heute nicht mehr soviel zu tun.
Aber wenn‘ s der Sache dient bin ich noch immer in der Lage, mich Ruck-Zuck in eine Rechtsmaterie einzulesen und so ein sexy 2 kg-Schinken voller Paragrafen zieht mich dann schnell in seinen Bann.
Das Inhalieren der Rechtsprechung und weiterer Infos braucht heute noch nicht einmal den lästigen Gang in die juristische Präsenz-Pauk-Anstalt.
Juristerei vom Feinsten ohne Streber-Kontaminierung.
So liebe ich das.
Sozialgesetzbuch IX
Im SGB IX stehen wirklich tolle Sachen.
Danach haben behinderte Menschen viele Ansprüche auf Unterstützung zur Teilhabe. Behinderung ist im Gesetz wie folgt definiert und betrifft nicht nur die Schwerbehinderung ab GdB 50.

§ 2 SGB IX Behinderung

(1) Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.
(2)….
(3)…
§ 33 SGB IX Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
(1) Zur Teilhabe am Arbeitsleben werden die erforderlichen Leistungen erbracht, um die Erwerbsfähigkeit behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu erhalten, zu verbessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben möglichst auf Dauer zu sichern.
(2)….
(3) Die Leistungen umfassen insbesondere
…..
4. berufliche Ausbildung, auch soweit die Leistungen in einem zeitlich nicht überwiegenden Abschnitt schulisch durchgeführt werden
…… Usw. , ihr könnt das hier nachlesen.
Sexy und jugendfrei

Sexy und jugendfrei

Frist verstrichen

In der Zwischenzeit tritt der wirklich sehr unwahrscheinliche Fall ein, dass mein Rückrufwunsch  nicht berücksichtigt wird. Das hatte Agent Gute-Fee aber anders gesagt.
Also wieder ran an die Hotline: nein, ich habe keine Fragen zu ALG II, möchte auch nicht mein Anliegen in FAQ’s nachschlagen….gebe brav die 8 für Sonstiges ein, höre etwas Musik und wieder werde ich mit einem echten Menschen an anderen Ende der Strippe belohnt, diesmal männlich.
Auch dieser Agent ist sehr freundlich und versiert in der Benutzung der Anwendung zur Beratung von Kunden.  Vermutlich sowas wie eine Fachkraft für die  “ Beratung Stufe 2 – Kunden mit unerfülltem Rückrufwunsch „. Ich hoffe, er bekommt eine Gehaltszulage dafür. Die hat er verdient, denn er navigiert souverän im workflow der Beratungsanwendung ….schnell checkt Agent  Hinhalter,  dass es einen Plausch mit Agent Gute-Fee gab, diese alles richtig gemacht hat und es  keinen Rückrufversuch durch den Reha-Fachdienst gab. Wird nämlich immer alles dokumentiert. Tolles System. Da weiß man immer ganz genau, welche Arbeit (nicht) gemacht wurde.
Ein wenig zuckt mein Gewerkschaftergewissen auf: Verhaltens- und Leistungskontrolle im digitalen Zeitalter….aber Mitleid mit den geknechteten Mitarbeiter_innen der BA ist gerade fehl am Platz. Agent Hinhalter offeriert mir nun ein zweites Mal die Entgegennahme eines Rückrufwunsches binnen 48 h.
‚ Nee, das hatte ich doch schon und was passiert denn, wenn dem wieder nicht nachgekommen wird? ‚  so mein Einwand.
‚Dann können sie mit dem Teamleiter sprechen‘,  freundlich Agent Hinhalter.
Und ich darauf:  ‚ach, das mach ich lieber gleich, stellen Sie mich bitte durch.‘
Aber so einfach geht das nicht. Das darf Agent Hinhalter gar nicht. Aktiv darf er nur Rückrufwünsche entgegen nehmen. Sonst nix. Nun kommt das Mitleid doch hoch….
Nun geht es eine Weile hin und her und zähneknirschend, aber noch immer ruhig stimme ich dem Quatsch zu.
Deadline : heute mittag 14 h.

Hinterhältig II

An den Weihnachtsmann glaube ich schon lange nicht mehr und wieder einmal raunt mir meine Oma aus dem Off das Motto ihres Lebens zu: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott….
Ja ja, ich mach ja schon.
Bislang hatte die BA durch Verweigerung eines Beratungstermins, bei dem  der Reha-Antrag normalerweise  gestellt wird, die formelle Antragstellung vereitelt. Die nehmen dafür ja immer gerne ihre Vordrucke.
Ich fühle mich aber völlig frei in der Wahl des Layouts des Antrages.
Der Inhalt ist klar und geht noch heute raus. Mit der Rechtsfolge, dass nun in der BA Fristen beginnen.
Vielleicht auch für den Teamleiter.

Countdown

Nun ist  es nur noch 1/2 Stunde bis zum großen Moment. 
Dann darf ich den Teamleiter sprechen….ich sagte es schon. 
Falls der überhaupt da ist. 
Ob die Fallbearbeitungsgsanwendung auch Merkzeichen für schwierige Kunden vorsieht? 
Irgendwie schwant mir, dass Herr Teamleiter nicht halb so cool im Umgang mit der lästigen Kundschaft sein wird wie die netten Agents. 
Falls ich überhaupt zu ihm durchdringe. 
Könnte ja sein, dass auch dieses Versprechen 2 Mal wiederholt werden muss und ich noch eine_n Agent(i)n kennen lerne. 
Wie aufregend !


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Von wegen Teilhabe

Ich habe hier des Öfteren über den Irrsinn, eine Diagnose als Voraussetzung für Hilfemaßnahmen für ADHSler, Autisten und andere Menschen, die kein reibungsloses Rädchen im kapitalistischen Getriebe sind, geblogt. hier , hier und hier 

Oft habe ich auch schon darüber geschrieben, dass wir mit viel Mühe, Verständnis, Kreativität und Forschergeist immer wieder Lösungen gefunden haben, die zumindest eine gewisse Lebensqualität ermöglichen und uns den Spaß am Leben grundsätzlich nicht verderben. Dazu hier und hier

Stimmen die Rahmenbedingungen, erleben wir immer wieder Zeiten, in denen alles einigermaßen reibungslos läuft. Vor allem von außen betrachtet. Diese Rahmenbedingungen sind aber meistens starr, wachsen nicht mit.
Beispiel gefällig?
Eine zunächst äußerst stärkende und motivierende Tätigkeit unterfordert auf lange Sicht, überfordert aber zugleich durch äußere Störfaktoren wie Instabilität des Gruppengefüges und damit Tagesablaufs/Arbeitsalltags.
Oder der nächste Entwicklungsschritt raus ins Erwachsenenleben war eine Nummer zu groß und es muss wieder einen Gang runter geschaltet werden.
Aber wohin?

Sollte eigentlich kein großes Problem sein.
Passgenaue Unterstützung kann helfen und weiter gehts.

Träum weiter, liebe LeidenschaftlichWidersynnig.

Nein, nun geht der ganze Spaß wieder von vorn los.
Grundsätzlich sieht sogar die Bundesanstalt für Arbeit ( BA ) , dass Unterstützungsbedarf besteht.
Selbstverständlich müssen dafür Diagnosen her, dazu habe ich mich hier schon ausgelassen.
Klar, der ärztliche Dienst der BA wird dann auch noch einmal bemüht, die Diagnose könnte ja unzutreffend sein.
Macht doch nichts, wenn ein junger Mensch, der sich gerade damit abfinden muss, es nicht allein zu schaffen, jetzt auch noch mal hier und da vorgeführt wird, inklusive Demonstration seiner Defizite in Großformat.
Macht doch nichts, wenn die Mutter, die versucht, trotzdem Mut zu machen obwohl sie darum ringt, den eigenen nicht zu verlieren, zum wiederholten Mal durch die Bürokratie turnen muss.
Macht auch nichts, dass das alles ewig dauert und in dieser Zeit ein junger und im Prinzip motivierter Mensch ohne sichtbare Perspektive gelassen wird.

Was kostet die Welt?

Teenie will flügge werden.
Will raus in die Welt.
Möchte dabei Unterstützung.
Ist bereit, die Kröte “ ich bin behindert“ zu schlucken.
Hauptsache, es geht endlich los.

Niemand der professionellen Unterstützer fragt: was ist deine Idee?
Was brauchst du dazu?

Statt dessen darf Teenie X mal schildern , was sie alles nicht kann, was alles Probleme macht, wird vorgeführt und durchleuchtet und die ganze Familie gleich mit.
Weil die Teilhabe möglichst wenig kosten soll.
Weil eine schlechte, kostengünstige Unterstützung wie Berufsorientierungs-Warteschleifen Alibi genug sind, den sogenannten Anspruch auf Teilhabe an der Arbeitswelt abzufrühstücken.

Denkste Puppe.
Widersynnig wäre nicht Leidenschaftlich wenn sie das hinnähme.
Und Teenie nicht mein Ableger, wenn sie da nicht eigene Vorstellungen zu hätte.

Zu gerne hätte ich weiter über unser Leben mit neurologischer Sonderformatierung geplaudert, ohne diese ständig zum Thema zu machen.
Weil sie NICHT unser Dauerthema ist.

Daraus wird wohl nichts.
Die nächste Runde ist eröffnet.

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Ich freue mich über Feedback und gute Ideen. Wie immer keine Registrierung nötig.


10 Kommentare

Diagnose: Gehindert

Wem es nicht vergönnt ist, 40 Wochen im schützenden Mutterleib heran zu reifen, muss sehen , wie er mit der kalten, reizüberfluteten Welt klar kommt. Einfach sterben ist nicht erlaubt.
Kämpfen vom ersten Atemzug an ist Programm.

Aus dem Gröbsten raus – sprich außer Lebensgefahr- könnte ja nun eine kleine Erholungspause angesagt sein.
Aber nein. Schnell aufgeholt werden soll nicht nur das Gewicht, sondern auch die sensorische und motorische Entwicklung.
Dafür zuständig ist meistens die Mutter.

Vergleichsmöglichkeiten gibt es viele: andere Kinder, diverse Tabellen in Büchern, Ratgeber, Internet.
An Beratern mangelt es nicht: Eltern, Geschwister, Freunde, Kollegen, Ärzte.
Allen gemein: sie haben keine Ahnung, wenn sie nicht auch ein ebensolches Kind begleitet haben. Nicht einmal die Ärzte.
Klappt es mit der Entwicklung nicht planmäßig, sind gleich diverse Erklärungen parat.

Die Charts:
Falsche Erziehung
Das Kind wird verwöhnt
Die Eltern übertragen Ängste und sonstwas
Falsche Ernährung

Oder
Das Kind hat nichts
Das wird schon
Das wächst sich aus

Bei weitem noch nicht alles.
Niemand traut den Eltern zu, ihr Kind zu kennen und ungefähr richtig einzuschätzen.

Kommt dazu noch Hochsensibilität ins Spiel, wie auch immer sie sich äußern mag, wird es spannend.
Das Kind soll diese verleugnen. Denn sonst ist es nicht NORMAL.
Die Eltern sollen sie verleugnen, und damit ihr Kind. Ist DAS normal?

Normal- ein Zustand der angestrebt werden muss.
Wer das sagt?
Keiner, aber es denken die meisten.
Im Rahmen der Norm. Wessen?

Was wünschen sich Eltern? Ein glückliches Kind? Haben sie in ihm den Schatz des Besonderen entdeckt, bieten sie vielleicht noch eine Weile dem mainstream paroli.

20130222-071147.jpgSpätestens im Laufe der Grundschulzeit der Wunsch: wir möchten es auch einmal einfach nur leicht haben.

Alle Versuche, Institutionen dazu zu bringen, das Kind einfach so (an) zu nehmen wie es ist und dennoch zu fördern, und zwar so, wie es dem Kind entspricht, scheitern.
Eine anerkannte Diagnose muss her.

Eine Odysee beginnt bzw. wird fortgesetzt.
Kinderarzt, Sozialpädiatrisches Zentrum, Psychotherapeut.
Ergotanten , Pädaudiologen und noch mehr – ogen und -euthen.

Statt Hilfe gibt es : das tiefe Bewusstsein, nicht richtig zu sein. Nicht zu passen.

Alle Versuche des Kindes, die Dinge in seiner Weise zu machen, werden kritisiert.

Wer über eine besondere Begabung, mit der gesellschaftlicher Erfolg verbunden ist verfügt, kann sich glücklich schätzen. Kauzig aber intelligent.
Wer eine Begabung hat, die keiner kennt, Synästhesie z.B. , kann sich glücklich schätzen, wenn er nicht für verrückt erklärt oder dumm gehalten wird.
Im ICD 10, 2008 noch als Krankheit (R20.8) aufgeführt. (1)
Nun ja, im künstlerischen Bereich ist das neuerdings chic. Immerhin.
Ist man einfach nur “ gewöhnlich Anders“ hat man Pech.
Summa summarum aber sind alle freaks und als solche werden sie auch behandelt.

Unpassend auch die Eltern, die ihr Kind nicht auf Spur gebracht haben. Oder die einfach nicht kapieren wollen : d b d d h k P ! (2)
Erst Recht wenn sie für ihr Kind trotzdem den Anspruch auf Bildung, Ausbildung und Selbstbestimmung postulieren.
Nicht individuelles Lernen ist angesagt, sondern es wird am Ziel abgespeckt. Geht ganz einfach.

Und nun kommt Inklusion . WOW.
In einer Welt, die es nicht nicht einmal Babys erlaubt, sich für den Aufrichtungsprozess individuell Zeit zu nehmen, sollen Schulen in kurzer Zeit komplett akzeptieren was vorher undenkbar war.
Kosten darf das alles nichts, das ist klar.
Ist hier nicht eher noch Sparpotential – fragt sich da der findige Politiker.
Auch hier wieder : ohne Diagnose geht gar nichts.
Nicht unbedingt einleuchtend, ist doch die Teilhabe aller das erklärte Ziel.
Wozu dann also das Ettikett?
Können wir leere Schubladen nicht ertragen?

Wer sich mit seinem Kind im Strudel der äußeren Anforderungen, eigenen Wahrnehmung und Einschätzung sowie den Wünschen und Bedürfnissen des Kindes befindet, sehnt sich aus gutem Grund nach einem Namen für das “ Anders sein „. Was keinen Namen hat n‘ existe pas.
Irgendwann die Frage: bin ich behindert? Was auch immer das sein mag.

Wer Hilfen vom Amt bekommen kann, kommt ohne anerkannte Diagnose nicht weit (es muss ja nicht die Richtige sein).
Wer einen Arbeitsplatz braucht, der speziell ausgestattet sein muss, auch nicht.
Das alles wäre kein Ding, wenn da nicht der negative Touch, die “ sei froh dass du mitspielen darfst“ – Haltung der Restwelt wäre.

Auch die schlimmste Schulzeit endet einmal.
Was dann?
Wer bisher mit seinem unsichtbaren “ Handicap “ durch gehalten hat, wird nun konfrontiert mit dem Höher, Weiter , Schneller des täglichen Broterwerbs.
„Alternative“ : Diagnose, SBH , 2. Arbeitsmarkt, Hartz IV.
Pest, Cholera, Pocken oder Aids.
Dann doch lieber Burn Out und Depressionen, immer wieder oder chronisch.

Lichtblick: immer mehr Betroffene fordern für sich offen Teilhabe ein, organisieren sich bei autworker, tokol e.v. , SeHT e.v, ADHS-Deutschland e.V und in vielen Selbsthilfegruppen und Foren.
Anders geht es wohl nicht. Umdenken auf Verordnung klappt nicht und schnell schon gar nicht.

Der Gedanke der Chancengleichheit, und darum geht es letztlich, ist nicht neu. Die Bürgerliche Revolution hatte zunächst auch die Frauen außen vor gelassen, nun ja, wir sind peu à peu auf dem Vormarsch. Sogar in der Schweiz dürfen wir jetzt wählen. Schwule, Migranten und viele andere Personengruppen werden noch immer diskriminiert, aber auch hier geht es voran, wenn auch im Schneckentempo.

Meistens nicht im Focus dieser Diskussionen : die Männer, Heteros, Weißen, Reichen, Gesunden/ Normalen – und andere Menschen der ( vermeintlichen) Mehrheit.

Wie soll Emanzipation, Inklusion oder Diversity gehen, wenn genau diese Personen nichts dazu beitragen müssen?

Wenn sich in Integrationsklassen die I-Kinder ( was für eine Bezeichnung! ), im Job die Frauen, in Ländern mit weißer Mehrheit die Schwarzen etc. anpassen, verbiegen und verleugnen müssen und von den Hinderern jeglicher Coleur nicht das kleinste bisschen Verhaltensänderung verlangt wird, noch nicht einmal thematisiert wird?
Gelungene Integration, wenn noch nach 3 gemeinsamen Schuljahren Klassenkameraden nicht kapiert haben, dass man z.B. einen Menschen mit ASS nicht zu sehr auf die Pelle rückt, dass dieser sich dann i.d. R. bedrängt fühlt und entsprechend reagiert?
Wirklich heavy, wenn man gleich zu mehreren der gehinderten Personengruppen gehört.

Materiell einigermaßen ausgestattet, gelingt es neuro-untypischen Menschen und anderen Gehinderten immer wieder, die vorenthaltene Bildung und gesellschaftliche Stellung trotzdem zu erlangen: sei es autodidaktisch, in Fernkursen, in Vereinen, in Feriencamps und mehr.

20130223-082219.jpg
Letztlich lässt Emanzipation sich nicht aufhalten, wenn wir nicht alle einpacken wollen.
Das hat schon der olle Marx erkannt : Kommunismus oder Barbarei 😉

(1) ICD 10 Version 2008
(2) doof bleibt doof da helfen keine Pillen

Mit diesem blogpost beteilige ich mich an den Blogger-Themen-Tagen

#einfachSein

Eine tolle Idee und ein großes Dankeschön an die OrganisatorInnen, die aus dem Autismusspektrum kommen.
Mehr dazu hier

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